Stuttgart, Köln, Dresden, Berlin ' - der "Neue Atheismus" ist auf Deutschlandtournee, und das mit eigenem Doppeldeckerbus. Medienwirksam prangt darauf die Botschaft: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott." Man könnte meinen, der Oxforder Professor für Mathematik John Lennox will just diese Behauptung mit ihren eigenen "Waffen" schlagen. In seinem Buch "Hat die Wissenschaft Gott begraben?" führt er ausgerechnet die geballte Kraft der Stochastik gegen das Postulat der Verächter des Glaubens zu Felde, oder besser: lädt sie im Gericht als Zeugen vor und stellt sie in den Dienst eines Indizienprozesses zu Gunsten des Theismus. Denn darum geht es eigentlich: um eine wissenschaftliche Rechtfertigung des Glaubens an einen Gott gegenüber den Vorwürfen einer vermeintlich voraussetzungslosen, materialistischen (bzw. naturalistischen) Sichtweise, die ohne eine höhere Instanz, ohne Transzendenz und Glauben auszukommen meint. Der Titelfrage "Hat die Wissenschaft Gott begraben?" setzt das Buch die These entgegen, dass nicht Wissenschaft und Glaube an eine schöpferische Intelligenz in einem Widerspruch zueinander stehen, sondern lediglich die theistische Weltanschauung zu der materialistischen.
Tatsächlich existiert Lennox' Buch schon länger als die Buskampagne, jedoch ist sein Beitrag jüngst in achter, völlig überarbeiteter und deutlich erweiterter Neuauflage erschienen (erstmals 2002; damals schlanke 144 Seiten). Immer mit der Absicht, den Theismus als loyalen Partner des logischen Denkens und Forschens zu bewähren, durchschreitet Lennox in zwölf Kapiteln das gewaltige Terrain der empirischen Naturwissenschaften: von ihrer theoretisch-philosophischen Grundlegung über die Kosmologie zur Evolutionsbiologie und bis in die entlegensten Winkel der Genetik. Der Autor macht dabei deutlich, dass alle Wissenschaft an einem gewissen Punkt auf letztlich nicht beweisbare Grundannahmen zurückgreifen muss - sie muss "glauben", um zu "wissen". Warum also nicht an einen Gott glauben? Lennox' umfangreiche Ausführungen lassen die Annahme eines Schöpfergottes im Kontext naturwissenschaftlicher Forschung nicht nur denkbar erscheinen, sondern legen sie sogar nahe.
Der Mathematiker bemüht allerlei Schwindel erregend hohe sowie unvorstellbar winzige Zahlen um zu belegen, welche schier unbegreiflichen kosmologischen und mikrobiologischen Feinabstimmungen nötig sind, um Leben auf diesem Planeten zu ermöglichen und zu erhalten. Den Zufall als Ursache hält er für ausgesprochen unwahrscheinlich. Doch Lennox belässt es nicht bei einem Gott als "Lückenbüßer" für naturwissenschaftliche Erklärungsnöte, sondern erblickt göttliches Wirken im Zentrum allen Lebens, genauer, in jedem noch so kleinen Zellkern. Denn ein weiteres eindrückliches Indiz für eine schöpferische Intelligenz sei die Fülle an Information, die jeder Zelle in Form von DNS eingegeben ist. Die Herkunft von Information sei nicht mit dem Prinzip der "Selbstorganisation" erklärbar, Unordnung könne nicht selbst Ordnung hervorbringen. Dass etwas derart Komplexes wie genetische Information durch die blinden Kräfte der Naturgesetze entstanden sein soll, scheide daher (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) als Erklärung aus.
Der Oxforder Professor vermeidet die Rolle eines "Experten für alles", stattdessen lässt er eine Vielzahl anderer Wissenschaftler zu Wort kommen - darunter auch etliche bekannte Kritiker des Theismus (z. B. Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Carl Sagan). Immer wieder bringt er profilierte Persönlichkeiten und Positionen in einen Diskurs miteinander, lässt sie streiten, einander widerlegen und wiederum Einspruch erheben, ehe er sein Urteil formuliert. Man kann dem Autor gewiss nicht vorwerfen, er mache es sich leicht mit den Verfechtern einer von Gott befreiten Welt. Dem Leser wird auf diese Weise ein wahrer Fundus an Zitaten, Quellen und Referenzen dargeboten. Eine Begleiterscheinung davon ist jedoch, dass sich einzelne Diskussionen unnötig in die Länge ziehen und ihnen der schale Beigeschmack des bloßen name dropping anhaftet. Letzteres gilt vor allem dann, wenn ein und dasselbe Argument nur in verschiedenem Wortlaut von verschiedenen Leuten wiederholt wird. Was indes gut gelingt, sind die Beispiele und Vergleiche, mit denen der Autor die oft abstrakten Sachverhalte anschaulich werden lässt. Wer hätte gedacht, dass Tante Mathildes Kuchen, der Motor von Henry Ford und auf Schreibmaschinen tippende Affen wichtige Probleme und Einsichten der Wissenschaft verständlich machen können? Das hohe Maß an Anschaulichkeit ist ohne Zweifel eine der Stärken des Buchs. Überdies akzentuiert Lennox das Buch gekonnt mit seinem trockenen Humor, so dass es - trotz des streckenweise hohen Anspruchs - erstaunlich gut lesbar ist (was im Übrigen auch als Verdienst der gelungenen Übersetzung gelten darf).
Jenseits des naturwissenschaftlichen Gehalts stellt sich die Frage nach dem theologischen Nutzen der Lektüre. Der erweist sich als in zweifacher Hinsicht begrenzt: Mit der Rehabilitierung des Theismus ist ein - aus christlicher Perspektive - alles entscheidender Schritt noch nicht getan, nämlich der Schritt zum Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes. Die zweite Einschränkung betrifft die Grenze von Apologetik (d.h. Verteidigung des Glaubens mit Argumenten) überhaupt. Sinnvoll genutzt eröffnet sie in einer Diskussion den Gesprächsrahmen für zentralere Glaubensthemen und das persönliche Evangeliumszeugnis. Denn: Apologetik allein kann niemanden in den Himmel diskutieren. Im ungünstigsten Fall erntet sie - trotz der besseren Argumente - weder offene Herzen noch Zustimmung, sondern lediglich verhärtete Fronten. Und auch als Christ sollte man sich vor dem Missverständnis hüten, den Glauben erst naturwissenschaftlich rechtfertigen zu müssen, ehe man ihn (für sich selbst, wie für andere) als glaub-würdig erachtet. Christus ergreift den Menschen und seine Vernunft, nicht umgekehrt!
Es wäre wünschenswert gewesen, Lennox hätte die Grenzen seines apologetischen Ansatzes in diesem Sinne transparent gemacht. Ungeachtet dieser Kritik lässt sich jedoch festhalten, dass der renommierte Mathematiker mit seinem Buch einen wertvollen und hochaktuellen Beitrag leistet, der insbesondere gegenüber den Anmaßungen des neu aufkeimenden Atheismus wichtige Impulse setzt. Sein faktenreiches, über weite Strecken ausgesprochen spannendes Buch dürfte wohl auch skeptischen Leserinnen und Lesern ein ehrfürchtiges Staunen über diese wunderbare Schöpfung abnötigen.
Kolja Koeniger
ichthys 25 (2009), 2009|2, 247f.