Gewöhnlich mag ich es nicht besonders, wenn Countertenöre zu sopranig daherkommen. Denn die Klangästhetik leidet in den allermeisten Fällen in der oberen Lage doch sehr (so zum Beispiel Waschinsky in seiner leider wenig überzeugenden Aufnahme von Farinelli-Arien). Umso mehr und umso positiver überraschte mich diese Einspielung, die ich hauptsächlich Hasses Musik wegen gekauft habe: Valer Barna-Sabadus' Stimme erinnert nur ganz, ganz selten an das "Sandige" einer typischen Counter-Höhe; weitestgehend ist sie sehr leicht und agil, und kann oft wirkliche Glanzpunkte setzen.
Das Besondere an dieser mit 10 Titeln recht "kurzen" Einspielung ist für mich auch die Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher musikalischer Gattungen: Der erste Teil der CD setzt sich aus Stücken aus der von (u.A.) Hasse vertonten Oper "Didone Abbandonata" zusammen. Er bietet mit Arien des Iarba einen wie ich finde für Solo-Alben außergewöhnlichen Überblick über eine bestimmte Partie, deren Höhepunkt zweifelsfrei das bereits von meinem Vorrezensenten erwähnte "Cadrà fra poco in cenere" ist -- eine Arie, die zu Tränen rührt und belegt, dass Barockmusik nicht "eo ipso" oberflächlich ist... und die von Hasse schon gar nicht. Der zweite Teil der CD hingegen beinhaltet die Solo-Kantate "La Gelosia", und damit ein Stück der "kleinsten" vokalen Gattung -- nach der Oper und der Serenade. Was dem Romantik-Komponisten die Zigeuner-Fantasie war, war dem Barockkomponisten das Hirtenidyll: so auch in La Gelosia, vollständig mit Vergleichsarie und wundervollen Rezitativen, die von Barna-Sabadus hinreißend musiziert sind. Es lohnt sich, genauer hinzuhören!
Das letzte Stück der CD ist eine Aufnahme der von Porpora für die Pasticcio-Variante von Hasses Artaserse geschriebenen Einlage "Or la nube procellosa". Hier wagt sich Barna-Sabadus in das Repertoire von Farinelli selbst... und das heißt von solchen zeitgenössischen Größen wie Vivica Genaux. In der Tat muss er sich keineswegs verstecken. Barna-Sabadus' Ornamentierung im Da-Capo Teil ist sogar deutlich mutiger als Genaux'... und dabei durchaus gelungen. Mir persönlich gefällt zwar Genaux' Timbre etwas besser, aber das ist wohl reine Geschmackssache.
Insgesamt ist diese CD ein sehr lohnendes Hörerlebnis! Abzüge in der Bewertung gibt's hauptsächlich wegen des dünnen und nicht allzu stabilen Booklets. Hasse selbst als unterbewertet und zu Unrecht in Vergessenheit geraten zu bezeichnen ist zwar abgegriffen, trifft aber mehr als zu. Wer neugierig auf Hasse ist, sollte sie auf jeden Fall kaufen, auch mit dem etwas dämlichen Titel!