Bekanntlich gab es nicht wirklich ein Nacheinander von strengem Bachschem Kontrapunkt-Barock und dann galantem Stil, sondern bereits in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts zwei Strömungen gleichzeitig nebeneinander. Hasse ist einer der bedeutendsten Vertreter der "galanten" Strömung, die immernoch weniger zur Kenntnis genommen wird, und diese Aufnahme bietet eine der seltenen Gelegenheiten, geistliche Musik von ihm zu hören. Es handelt sich um eine musikalisch vorzüglich gemachte Einspielung, in der Qualität auf die man sich bei Gérard Lesne verlassen kann: Gesang von geradezu ätherischer Ausstrahlung, transparentes und akzentuiertes Instrumentalspiel, exzellente, frische Akustik. Das Werk selbst ist zwar ein geistliches Oratorium, pflegt aber an vielen Stellen opernhaftes Belcanto. Das ist schön zu hören, wenn es auch zuweilen der religiösen Besinnung um die der Text sich bemüht eher abträglich scheint. Der Text: zwei Pilger besichtigen die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Führung eines leicht mysteriösen "guida" und beschreiben musikalisch die fromme Rührung die ihnen der Anblick einzelner Stationen ihres Rundgangs beschert -- den Text darf man vielleicht als liebenswert naiv charakterisieren. Der Schluss-Chor des ersten Teils, zum Einzug in die heilige Stadt, entfaltet allerdings derart viel himmlischen Charme, dass doch ein rundes ästhetisches Konzept daraus wird. Die Beschreibung der Passionsgeschichte im zweiten Teil verzichtet großenteils auf Belcanto und ist stattdessen im begleiteten Rezitativ gehalten, was dem Komponisten die Freiheit gibt, mit (relativ) unkonventionellen musikalischen Mitteln die Erzählung etwas freier zu illustrieren und der Ernsthaftigkeit des Geschehens gerecht zu werden. Insgesamt kann man also von einem gut ausgewogenen Konzept sprechen, trotz opernhafter Tendenzen. Das Werk entspricht vielleicht nicht jedermanns Erwartung an religiöse Musik, besitzt aber zweifellos viel Schönheit, und stellt eine willkommene Repertoirebereicherung dar. Vier oder fünf Sterne, das ist im wesentlichen wohl nur noch eine Geschmacksfrage.