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Wenn Schauspieler sich in die Welt des Rock und Pop verirren, war das fast immer ein Anlass für tiefstes Grauen (David Hasselhoff) oder süffige Häme („Sag, sind meine Boxen schlecht, oder singt da Uwe Ochsenknecht?")
Und ist nicht gerade Bill Shatner, den wir als ewigen Astronauten im gelben Pyjama mit ulkigem Fiffi auf dem Schädel ohnehin schon auf dem Kiecker haben, nicht geradezu prädestiniert für Vorschuss-Tomaten?
Weit gefehlt.
Seit die CD „Has Been" auf dem Markt ist, fühlen sich selbst hartgesottene Feuilletonisten dazu verpflichtet ihren Kotau vor dem vermeintlichen Knattermimen zu machen.
Und das zu Recht:
„Has Been" ist ein kleines Meisterwerk in der Kategorie Lee Strasberg trifft Bruce Springsteen.
Wo soll man anfangen zu loben?
Bei der Cover-Version von „Common People", wo Shatners Schauspielkunst eine atemberaubende Synthese mit dem Gesang von Joe Jackson eingeht?
Bei dem Vater-Tochter-Drama „That's me Trying", in dem Shatner in weniger als drei Minuten perfekt einen typischen Nick-Hornby-Charakter zeichnet?
(Hugh Grant und John Cusack haben für die gleiche Übung in „About A Boy" und „High Fidelity" immerhin einen abendfüllenden Spielfilm gebraucht)
Was ist mit „You'll Have Time", in dem Shatner dem Tod mit einem hinreissend witzigen Gospel begegnet?
Oder den niemals sentimentalen oder gar kitschigen Liebesliedern „Familiar Love" und „Ideal Woman"?
Oder dem eindrucksvollen Abgesang auf seine tödlich verunglückte Frau in „What Have You Done"?
Dem herrlich schrägen und saukomischen Italo-Western „Has Been"?
Oder den grandiosen „wir-schimpfen-uns-alles-was-in-der-welt-schiefläuft-von-der-seele"-Rap „I Can't Get Behind That?" mit Henry Rollins?
Nein, mein persönlicher Favorit ist „Real" (mit dem Countrysänger Brad Paisley).
Hier setzt sich Shatner mit seinem Serien-Image auseinander. Wer da ein selbstmitleidiges Klagelied eines Schauspielers erwartet, der sein ganzes Leben lang auf eine Rolle festgelegt wurde, ist schon wieder auf dem Holzweg.
Vielmehr nimmt Shatner hier einige besonders durchgeknallte Captain-Kirk-Fans freundlich am Arm, und versucht ihnen mit Herz und Verstand etwas Vernunft beizubringen.
(Meine Lieblingszeile sinngemäß übersetzt:
„Also wenn die Erde das nächste Mal durch einen Asteroiden oder sonst eine Naturkatastrophe bedroht wir, dann fühle ich mich zwar geschmeichelt, dass Ihr dabei an mich denkt. Aber bitte ruft dann doch jemanden an, der wirklich was davon versteht.")
KLASSE!!!!
Und hier die neueste Star Trek-Episode:
Captain Kirk wird durch einen Transporterunfall ins Jahr 2005 zu den Grammy-Awards gebeamt, wo ihm sämtliche Größen der Rock und Pop-Welt zu Füßen liegen.
Irgendwie glaube ich nach „Has Been" nicht, dass dies realitätsferne Science Fiction ist....
Musikalisch ist „Has Been" eine große positive Überraschung - ein durchweg fantastisch anzuhörender Mix aus Rock, Pop, Jazz, Country, Latin und ein bisschen Elektro. Anstatt sich selbst als Sänger zu versuchen, hat Shatner alles richtig gemacht und zahlreiche begnadete Sänger und Instrumentalisten um sich geschart, darunter die Grammy-Preisträger Brad Paisley, Henry Rollins und Joe Jackson, während er selbst durchweg mit seiner starken, wirkungsvollen Stimme die größtenteils selbst verfassten Text spricht. In gewagten wie gelungenen Stellen von YOU'LL HAVE TIME holt er dann aber zu John Lee Hooker- mäßigem Sprechgesang aus und präsentiert zu einem herrlichen Blues mit Gospelchor seine witzig ironischen Lyrics um das unvermeidliche Ende („I hate to be the bearer of bad news, but you're gonna die, maybe not today or even next year, but...").
Alle Arrangements stammen von Sänger und Songwriter Ben Folds („Ben Folds Five"), der auch die Klavierparts übernimmt. Er hat als Opener des Albums eine geniale Coverversion des Pulp-Songs COMMON PEOPLE abgeliefert, in der sich Shatners coole Sprechstimme mit dem Refrain von Gastsänger Joe Jackson über einem mitreißenden überraschend harten Rock-Drive abwechselt. Eine introvertierte Atmosphäre verströmt dagegen das reflektierende IT HASN'T HAPPENED YET mit softem Jazz-Ambiente, ein wenig im Stile von Herbie Hancocks „Maiden Voyage". Die Ballade THAT'S ME TRYING u.a. mit Gastsängerin Aimee Mann (die auch schon mal bei Shatners kanadischen Landsmännern von Rush zu Gast war beim Song "Time Stands Still") beschäftigt sich mit den Gedanken an seine längst erwachsene, ihm praktisch unbekannte Tochter und was hätte sein können, wenn viele Fehler nicht gemacht worden wären. WHAT HAVE YOU DONE ist ein kurzer, aber eindringlicher stiller Moment auf dem Album, wenn Shatner eines der schlimmsten Erlebnisse seines Lebens in Worte fasst, nämlich als er seine dritte Frau auffand, die im Pool ertrunken war. Nach dem in musikalischer und textlicher Hinsicht sehr experimentellen TOGETHER, an dem Shatners jetzige Ehefrau Elizabeth mitschrieb und welches das britische Duo Lemon Jelly programmiert hat, folgt das jazzig angehauchte FAMILIAR LOVE. Und IDEAL WOMAN ist eine vorzügliche Liebeserklärung an die eigene Traumfrau zwischen liebevoller Ironie und ernst gemeinter Aussagen („I fell in love with your turn of phrase, your sensitivity, your irrational moods...Well, maybe that could go, but everything else, I want you to be YOU"). Dabei überrascht der Song mit einem Old- Rock- Gitarrensolo, Orgelsolo und plötzlichen Latin- Elementen. Der Titelsong HAS BEEN ist im durchgeknallten Text ebenso ironisch gemeint wie die aberwitzige Musik aus absichtlich übertrieben klischeehaften Western-Klängen mit mexikanischen Trompeten und „Cowboy- Vocals". In der weniger musikalischen Nummer I CAN'T GET BEHIND THAT tauschen Shatner und US-Rocker und -Shouter Henry Rollins ihr Unverständnis über Ansichten der modernen Welt aus, vom Ölpreis bis hin zu Fahrschülern. Dazu gibt es ein aufgewühltes Drum- Gewitter von Matt Chamberlain (u.a. Tori Amos, Fiona Apple) und Gitarren von Adrian Belew (King Crimson).
Zum Abschluss überzeugt der vielleicht beste Song; das vom hochdekorierten Countrysänger Brad Paisley geschriebene und im Duett mit Shatner interpretierte REAL, das sich explizit mit der ihm anhaftenden Rolle als Captain Kirk befasst; und das mit Lyrics, die genau ins Schwarze treffen:
„I have saved the world in the movies ... And while there is a part of me in that guy you've seen up there on that screen, I am so much more ... I'd love to help the world with all its problems, but I'm an entertainer, and that's all. So next time there's an asteroid or a natural disaster, I'm flattered that you thought of me, but I'm not the one to call ... Sorry to disappoint you, but I'm REAL."
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