Barclay James Harvest kennt man v.a. aus den 80ern durch ihre Hits wie "Hymn" oder "Life is for Living" oder - als Deutscher - durch ihr Mammutkonzert in Berlin 1980. Zu diesem Zeitpunkt war die Band schon fast 15 Jahre aktiv, vom ursprünglichen Quartett auf ein Trio geschrumpft und ihr Stil hatte sich zu qualitativ hochwertigem, eingängigem Poprock gewandelt.
"The Harvest Years" setzt den Fokus auf die Anfangsjahre der Band und die Veröffentlichungen auf dem EMI-Unterlabel Harvest. Den Anfang macht die Debütsingle "Early Morning" aus dem Jahr 1968, den Schlusspunkt setzen Veröffentlichungen aus dem Jahr 1973, in dem EMI die Zusammenarbeit mit der Band beendete, die bis dato zwar künstlerisch wertvolle, aber kommerziell durchweg erfolglose Veröffentlichungen produziert hatte. Musikalisch erwartet den Zuschauer eine einzigartige Mischung: Der Stil von BJH umfasste Folkrock, klassisch angehauchtes Material, aber auch Rock'n'Roll und mitunter etwas härtere Klänge. Insgesamt dürften BJH mit ihrer stilistischen Vielfalt damals zu den Vorreitern des Progressive Rock gehört haben. Bemerkenswert war damals auch das große Spektrum an eingesetzten Instrumenten: Etliche Stücke werden durch das Mellotron von Woolly Wolstenholme oder die Gitarren von John Lees dominiert, ansonsten findet man auch Blockflöten, Blechbläser, und einige der Songs bestritten BJH gar unter Einsatz eines ganzen Orchesters.
Entsprechend vielseitig auch die Stücke, die hier zu hören sind. Neben radiotauglichem Pop der Spätsechziger und frühen Siebziger gibt es fragile, melancholische Balladen oder episch ausladende, klassisch beeinflusste Werke mit einer Laufzeit jenseits der 10 Minuten. Als Autoren und Leadsänger fungierten dabei Wolstenholme, Lees und Bassist Les Holroyd gleichermaßen, sodass die Songs auch thematisch eine große Bandbreite abdecken: Geschichten um (meist tragische) Liebe, apokalyptische Visionen vom Ende der Welt, Antikriegsthemen und auch religiöse Motive finden sich gleichermaßen und verleihen dem Album, auch wenn der ein oder andere beschwingte Song dabei ist, eine eher düstere, gravitätische Note. Ohnehin ist "The Harvest Years" kein Album, das man nebenher hören kann, denn jeder der aufgeführten Songs ist ein kleines Kunstwerk für sich, delikat arrangiert und vorgetragen.
Abgedeckt werden die vier ersten LPs der Band, von denen man die wichtigsten und besten Stücke jeweils versammelt findet. Daneben finden sich einige Raritäten (etwa drei exzellente Stücke aus dem Jahr 1969, die damals in der Versenkung verschwanden und erst 22 Jahre später auf "The Harvest Years" veröffentlicht wurden) sowie Stücke, die nie auf LP erschienen waren (z.B. B-Seiten von Singles).
Abgerundet wird diese mit Sachverstand zusammengestellte Compilation durch ein sehr informatives Booklet, das die "Harvest Years" 1968-73 abdeckt und einige (leider sehr kleine) Fotos beisteuert.
Das enthaltene Material dürfte bis auf wenige Ausnahmen (wie den Klassiker "Mockingbird") heutzutage kaum noch bekannt sein. Umso höher ist der Wert dieses 2-Disc-Sets einzuschätzen, das einen atemberaubenden Überblick über das Frühwerk einer einzigartigen Band bietet.