Vorweg: Ich mag Neil Young überhaupt nicht. Abgesehen von "Comes a time" gefällt mir kein Song, die Rocker sind mir eindeutig zu hart, die Schnulzen eindeutig zu melodramatisch. Auch der Typ an sich lässt mich ziemlich kalt.
Warum setze ich mich (hiermit!) dann so für dieses Album ein? Ganz einfach, das liegt
1.) ganz zuvorderst an seiner STIMMUNG, die in jeder, und zwar wirklich in jeder momentanen Laune gewinnbringend rezipiert werden kann: Fühlt man sich traurig, fängt das Album einen auf, ist man freudig, unterstreicht es die positiven "Vibrations" total, ärgert man sich, bringt es einen runter und bietet doch genug Stoff zum Dampf ablassen ("Alabama", vor allem aber der grandiose Beschluss "Words"). Sogar zum Einschlafen kann ich die Platte empfehlen! ;-))
2.) Was auch einen Geniestreich darstellt, ist die HOMOGENITÄT und Geschlossenheit dieses Albums, trotzdem es eigentlich kaum drei Stücke gleichen oder ähnlichen Kalibers enthält: Klassisch-symphonische Arrangements stehen neben akustischen Folk-Nummern, Bluesrock (mit der Betonung auf Rock freilich) und lupenreinen Popdiamanten zumeist ruhigerer Gangart. (Überhaupt ist das Album als ganzes unzweideutig im Low-Fi-Bereich verwurzelt.)
3.) In diesen einzigartigen Fluss fügen sich wie Butter die SONGS als wahre Perlen ihres Genres! "Out on the weekend" - bewegend und groß. "Harvest" - melodisch frappierendes Understatement. "A man needs a maid"... und so weiter. Hervorgehoben seien noch (um über "Heart of Gold ausnahmsweise mal kein Wort zu verlieren. - OOOPS!) die beiden Meisterwerke der zweiten Seite: "Old Man", eine erschütternde biographische Retrospektive, ungeschönt und läuternd, und das zupackende, vom subtilen Epos zur engagiert instrumentierten Riffwalze sich steigernde "Alabama", und der großartige, zwischen 3/4- und 4/4-Takt hin- und herspringende Final-Rock "Words" und..., Halt! Das waren ja schon mehr als zwei!!! Da sehen Sie's, eine tolle Platte!
Kleine Abstriche, die der LP aber kaum mehr zu schaden vermögen: Egal um welche es sich handelt, unter diesem bunten Stilmix finden sich ein zwei Songs immer, die nicht so gefallen - die Musikkritik vergreift sich mit Vorzug despektierlich an den beiden sentimentalischen Symphonien "Man... Maid" und "There's a world", ich persönlich zum Beispiel kann mich mit dem arg hoppelnden Country-Rock "Are you ready for the country" nicht sooo recht anfreunden.
Für eine zweite Sache nun kann der erratische Neil wirklich nix: Die CD-Überspielung (die sich heute nun mal jeder zulegt) ist schon ziemlich unausgegoren, vor allem total untersteuert: Auf eine gebrannte Songkompilation ein oder zwei Tracks von "Harvest" zu nehmen, ist wegen der Differenzen in der Lautstärke kaum ohne Nachbearbeitung der Absolut-Volumes möglich. Naja, das liegt eben daran, wenn Platten anno '83 mal "testweise" digitalisiert und dann nie wieder auf den neuesten Sound-Stand remastered wurden...