Den Buchtitel "Hartz IV - und der Tag gehört dir" findet der Autor selbst zynisch, hat ihn aber bewußt gewählt, da er das einzige "Privileg" darstellt, das den "Langzeitarbeitslosen noch geblieben ist: Freizeit, aber auch - und gerade - die kann auf Dauer zur Last werden." Der Buchautor, Journalist und gelernter Verwaltungsfachangestellter, hat 7 Jahre beim städtischen Sozialamt und der örtlichen ARGE (Arbeitsgemeinschaft) gearbeitet, und die Einführung, Umsetzung sowie die Auswirkungen der Hartz4-Reform erlebt, weiß also haargenau, worüber er schreibt. Und es ist ein wichtiges Buch. Bereits im Juni diesen Jahres erschienen ist es eine gute Begleitung der z. Zt. laufenden Hartz-Debatte, die an Unsäglichkeit kaum noch zu überbieten ist. Wieviel wollen wir denn den Langzeitarbeitslosen noch zum Leben zugestehen? Es ist ja nicht nur der Hohn der 5,--¤-Erhöhung, es ist auch der erniedrigende Stil, in dem die Debatte geführt wurde und wird: Da Arbeitslose ja grundsätzlich auch das Geld der Kinder verqualmen und versaufen, muß das SELBSTVERSTÄNDLICH immer und bei jedem kontrolliert werden, nicht wahr??? Pfui Deibel.
Nein, in Sachen Information zum Thema bietet dieses Buch recht umfassend Abhilfe. Der Autor spannt einen Bogen von der Einführung des Hartz4-Gesetzes über seine Folgen, wie z. B. die Prozeßlawine, Willkür der Ämter, über Sinn und Unsinn der 1¤-Jobs, über das öffentliche Interesse und die Rolle der Politik, z. B. nach dem "Teile-und-herrsche-Prinzip", wenn Hartz4-Debatten von Seiten der Politik gezielt geschürt werden, die betroffenen Personengruppen, aber auch die Machtlosigkeit der Mitarbeiter, und wie man konkret im Alltag mit Hartz4 lebt, wie sich Familien in Hartz4 notgedrungen entwickeln, und er schließt ab mit eigenen Gedanken zu einem möglichen Ausweg, in denen er engagiert für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes sowie eine deutliche Erhöhung der Regelsätze eintritt und logisch argumentiert.
Das Buch zeichnet u. a. aus, daß es eben nicht nur die Sicht der Betroffenen darstellt - das tut es auch, aber es beschreibt eben auch die Lage der Sachbearbeiter, der "Fallmanager", wie sie neudeutsch heißen. Sie können nicht aus ihrer Haut, ihrer Situation, ihrer Position heraus, sie sind Teil des Systems, so manche sind gar keine bösen Gesellen, die den "Kunden", wie die Klienten ja zynischerweise gerne genannt werden (sollen), nur übel mitspielen wollen, viele würden gerne helfen, wüßten sogar wie, dürfen es aber nicht, müssen Druck ausüben, oft gegen Sinn und Verstand, weil die Vorgaben es so vorschreiben.
Der Autor ist scharf in seiner Beurteilung des Sozialsystems. Hartz4 ist für ihn sowohl für die Betroffenen, als auch für die Sachbearbeiter, die das Gesetz tagtäglich umsetzen müssen, schlicht eine Katastrophe.:"(Zitat)...Auf der einen Seite wurden horrende Beiträge für die neuen Standorte der Verwaltungen ausgegeben, um auf der anderen Seite die Leistungen der Leute zu kürzen, und damit den sozialen Abstieg nach der Arbeitslosigkeit zu beschleunigen. Durch die neue Gesetzgebung und die zunehmende Pauschalisierung ... ist eine individuelle Hilfe kaum mehr möglich. In Wahrheit ging es wohl eher darum, die Fallzahlen so schnell wie möglich zu senken. Egal, ob durch Arbeitsaufnahmen, oder durch Sanktionen. Bei jeder unserer Teamsitzungen wurde auf der neuen Statistik der Fallzahlen herumgeritten, ohne die einzelnen Fälle und Schicksale der Betroffenen einmal zu hinterfragen. Das ist ein Irrweg. Die Statistik ist eine Hure, hat Max Merkel einmal gesagt. Warum? Da reitet jeder drauf herum."
Und Zeitarbeit ist für Björn Lange ein weiterer Sargnagel des Sozialsystems. Gewinner sind klar die Zeitarbeitsfirmen und die Industrie, der Verlierer ganz klar der Arbeitnehmer mit allen heftigen Folgen für ihn: Oft bis zu 4 Firmen allein in einem Monat, Dauerdruck von Seiten der ARGE, auch die miesest bezahlten Jobs anzunehmen, Knochenjobs zum Hungerlohn, geringe bis keine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt usw ... Dieses vorliegende Buch "Hartz IV - und der Tag gehört dir" von Björn Lange ist ein gutes und interessantes Buch zum Thema, und es ist auch eine massive Anklage von einem Autoren, der die Materie kennt. Lesenswert!
Ergänzend zum Thema kann ich u. a. noch folgende Lektüre empfehlen: Z. B. "Als Kunde bezeichnet, als Bettler behandelt: Erfahrungen aus der HARTZ IV-Welt" von Wolfgang Gern und Frank Segbers (Herausgeber), "Arm durch Arbeit: Ein Undercover-Bericht" von Markus Breitscheidel, "Armes Deutschland: Neue Perspektiven für einen anderen Wohlstand" von Ulrich Schneider, "Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere" von Günter Waraff, sowie die schon vor einigen Jahren erschienene lesenswerte Polemik "Hartz4 - Eine Abrechnung!" von Gabriele Gillen.