Es war Hans-Otto-Meissner, ein deutscher Reiseschriftsteller, der in mir die latent vorhandene On-The-Road-Sehnsucht entfachte, ein imaginäres Feuer, das wohl nicht mehr zu löschen ist: "Der Stern von Kalifornien" stand am Anfang, andere Bücher (später auch Filme) ließen es glimmen und Reisen hoch auflodern. Die Beschreibungen vom Reisen in Amerika sind so zahlreich wie vielfältig; der schreibenden Zunft scheint es bei diesem Thema besonders in den Fingern zu jucken und jeder hat seine eigene Herangehensweise. So lernt man die Autoren "mit denen man reist" in aller Regel ganz gut kennen, zumal fast alle zu philosophischen Betrachtungen neigen, an denen wir lesend teilhaben dürfen.
Nun also "Hartland". Von Kanada kommend und qualvolle Einreiseformalitäten überstehend, reist der Autor in das von 9/11 immer noch verstörte Land ein. Auf 3.500 Kilometern Länge, von Nord nach Süd, will er die Vereinigten Staaten durchqueren. Die Route 77 ist dabei seine Leitschnur, die er laufend, fahrend und mitfahrend bewältigt. Er reist mit leichtem Gepäck und großem Hintergrundwissen, an dem er uns in Bruchstücken teilhaben lässt. Karl May und Wied, Black Elk, Crazy Horse, Büffelherden und Wounded Knee, die untergegangene Welt der Indianer flackert in dieser Geschichte immer wieder auf, interessant für alle, die sich mit diesem Thema auch schon befasst haben ( "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses"...) und Anreiz für jene, die sich damit vielleicht noch beschäftigen wollen. Er skizziert Landschaften, die nicht als Touristenattraktionen gelten, und Orte, die nur allzu oft Unorte sind und denen etwas beständig Geisterhaftes anhaftet. Er trifft auf entwurzelte und fest verankerte Menschen auf seinem Weg, nicht aber auf Berglöwen, die immer wieder als abwesende Gefahr durch die Erzählung schleichen und neigt dazu, gut gemeinte Ratschläge stoisch in den Wind zu schreiben, was meist in Ordnung ist. Der Wind allerdings ist oft anwesend und überhaupt spielt das Wetter für einen, der sich der Natur aussetzt, die übliche dominierende Rolle. Viele Motels, Diners und Bars später endet die Reise in Mexiko. Dieser Grenzübertritt verläuft reibungslos und kostet nur 65 Cent.
Wolfgang Büscher beherrscht das Wort und versteht reflektierend zu schreiben. Das Buch liest sich leicht, dennoch sind Unterströmungen vorhanden, seicht ist es nicht. Trotzdem irritierte mich während der Lektüre die oft spürbare Distanz des Autors zum Land, zum Leser und vielleicht sogar zu sich selbst. Dieses Buch hat etwas Akademisches, Reißbrettartiges, wie hinter Glas Geschriebenes. Da hat sich einer nicht eingelassen. Da ist nicht einer seinen Weg gegangen und hat anschließend darüber geschrieben. Da ist einer wegen des Schreibens gegangen, das mag einer der Gründe sein, warum "Hartland" mich nicht berührt hat, auf jene Weise, die lange nachwirkt. Wie der Zufall es so wollte, habe ich erst vor kurzem das für mich eindrucksvollste Buch vom Reisen in Amerika wiedergelesen: "Blue Highways" von William Least Heat Moon, der sich in den 1980er-Jahren in seinem zum Mini-Wohnmobil umfunktionierten Pickup namens "Geistertanz" (!) aufmachte, um die Trennung von der "Frau des Häuptlings" zu verarbeiten und mit Herzblut von seinem Land, seinem verschwundenen Land und von den Menschen, die er auf seiner Reise traf, zu erzählen. Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, dass ich "Blue Highways" zum ersten Mal las und immer ist das Buch in mir lebendig geblieben. "Hartland" dagegen beginnt schon jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, zu verblassen.
Helga Kurz
14. Mai 2011