Das Viertel Sentier in Paris ist wirklich ein "Hartes Pflaster": Ziel vieler Einwanderer- und Gastarbeiterfamilien, die sich zum größten Teil illegal in Frankreich aufhalten und zu Dumpinglöhnen in den Schneiderwerkstätten der Haute Couture ausgebeutet werden. Die meisten der illegalen Arbeitskräfte kommen aus der Türkei und dem vorderen Orient und im Jahre 1980 formieren sie sich zum Straßenkampf, um eine Legalisierung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.
In der wilden Zeit dieser Demonstrationen spielt Dominique Manottis Noir-Roman. Der schwule Kommissar Daquin fahndet mit seinem Team nach einem Netz von Drogenhändlern, das die französische Hauptstadt mit Heroin versorgt. Soleiman ist türkischer Einwanderer und organisiert den türkischen Aufstand im Sentier. Er hat jedoch eine dunkle Vergangenheit in der Türkei und wird damit von Kommissar Daquin erpresst, ihn mit Informationen zu versorgen. Gerade als die erste türkische Demonstration erfolgreich und friedlich beendet ist, wird die Polizei in eine illegale Schneiderwerkstatt gerufen, in der die Leiche eines geschändeten Thai-Mädchens gefunden wurde. Da Daquin den Tatort mit seinen eigenen Ermittlungen in Verbindung bringen kann, ist dies der Ausgangspunkt weitreichender Nachforschungen, die nicht im Sentier bleiben, sondern ein Netz von Korruption erahnen lassen und in diplomatische Dimensionen führen.
Sätze wie Maschinengewehrfeuer. Kurz, präzise, treffend. Die Autorin fährt höchstes Tempo und führt dem Leser meisterhaft die Brisanz und die Gefahren des Berufes eines Polizisten vor Augen. Die Personen werden messerscharf von ihr skizziert, wobei sie in deren Psyche nur soweit einsteigt, wie es dem Roman gut tut. Personen, denen die Polizei auf der Spur ist, sterben plötzlich wie die Fliegen. Daquin muss hellwach sein, wenn er noch einen Fahndungserfolg für sich verbuchen will. Es ist kein Wort, kein Buchstabe zu viel geschrieben. Nachhaltig beeindruckend bleibt, wie Manotti die komplexen Zusammenhänge auf rund 330 Seiten zusammenfaßt.
Ein Noir-Roman, der so links ist, wie er nur links sein kann. Der den Arbeitskampf des Proletariats glorifiziert und Globalisierung anprangert. Die Wahl des türkischen Aufstands im Sentier 1980 ist kein Zufall, denn es war zum Zeitpunkt, da Manotti 1995 den Roman verfasste, der letzte erfolgreiche Aufstand in Frankreich. Ein absolut zurecht preisgekrönter Roman, der in die Spitzenklasse des französischen Noir gehört und einer der wenigen Titel, bei denen man auch für ein Paperback gerne einen hohen Preis zahlen mag.