Bis ich auf Seite 66 dieses Buches angelangt war, wusste ich nicht, dass ich unzählige Stunden in einer Bar verbracht, die sich ihren Namen widerrechtlich angeeignet hatte. Aber das ist wohl vielen Rom-Besuchern so ergangen. Und selbst nach der Lektüre dieses speziellen Firmengeschichte und längerem Surfen wird man nicht recht klug, wo nun die echten "Harry's Bar" und wo die unechten sind. Das ganze Durcheinander hat aber nicht nur mit verpasstem Markenschutz, sondern auch mit den Erben des Ur-Harrys zu tun.
Fest steht, dass am 16. Juni 1890 im schottischen Dundee ein gewisser Harry MacElhone zur Welt kam, der als Hilfskellner jobbte, an der französischen Riviera die Lebensweise reicher Amerikaner kennenlernte und 1912 schließlich in New Yorker hinter der Bar vom Plaza landete. Prohibition und Heimweh trieben ihn wieder nach England, wo er nach Kriegsende bald stadtbekannt war und 1919 seinen Longseller "ABC of Mixing Cocktails" veröffentlichte. Dann, 1923 war es schließlich so weit. Inzwischen in Paris gelandet, eröffnete Harry MacElhone seine erste Bar unter eigenem Namen. Die legendäre "Harry's Bar" war geboren.
Warum ausgerechnet eine amerikanische Bar in Paris Erfolg hatte, was während der Roaring Twenties dort geschah und wer in den folgenden Jahren dorthin ging, wird in dieser farbigen Firmengeschichte ebenso beschrieben wie die Inneneinrichtung im Detail oder die Eröffnungen weiterer Bars. Und zwar auf der linken Seite in Deutsch, rechts in Englisch. Verstanden habe ich lediglich nicht, warum der auf Seite 74 beginnende Rezeptteil nur noch Lesern viel nützt, die der deutschen Sprach mächtig sind. Merkwürdiges Konzept.
Der zweisprachige Textteil stammt von Isabelle MacElbone, basiert aber auf einem Manuskript von Anne Devanley. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl, der erste Teil sei nicht aus einem Guss und komme allzu sehr wie eine in Auftrag gegebene Jubiläumsbroschüre daher. Interessant zu lesen ist er trotzdem. Und zudem wird ja noch Bildmaterial vom Feinsten geboten. Daher sind die Originalrezepte aus Harry's Bar ebenfalls schön eingebettet. Den Princeton- und Harvard Cocktail 'empfehlen' zum Beispiel John F. Kennedy mit Frau, Nixon, Obama und andere Prominente, die uns entgegen lachen.
Mein Fazit: So schön und aufregend die Geschichte von Harry's Bar auch ist, ganz die Qualität der berühmten Drinks erreicht diese Jubiläumsschrift nicht. Das Bildmaterial hat mich jedenfalls mehr überzeugt als die Texte und das nicht durchgezogene zweisprachige Konzept. Wird trotzdem einen Ehrenplatz in meiner Rezeptesammlung erhalten.