Die Bücherreihe entstammt zwar der sogenannten fantastischen Literatur, ist aber trotzdem wesentlich realistischer, als viele sogenannten realen Romane.Denn genauso nervend ist das Leben und auch das Erleben seiner eigenen Geschichte aus Harry's Sicht.
Er ist enttäuscht, weiss nicht weiter, sucht nach der Logik und der Wahrheit und findet sie lange nicht.
Er ist mehr mit sich selbst als mit Voldemort konfrontiert, es gibt ja auch nicht diesen Seitenlangen Endkampf, a la Hollywood, den viele erwartet haben oder vermissen.
Die vielen kleinen Schritte des Untergrundkampfes während der bedrückenden Entwicklung des von Angst geprägten totalitären Staates sind sehr realistisch und trotzdem kommt das Märchenhafte (Patronusse)und Fantastische nicht zu kurz.
Am grossartigsten finde ich am Ende die Beschreibung, wie Voldemort langsam seine Macht verliert. Erst ohne es selbst zu bemerken und dann, als es ihm selbst schon langsam bewusst wird, auch unbemerkt von seinen Anhängern, die schliesslich mehr Greueltaten ausüben, als er selbst noch kann.
Er hat sich ja durch seine Unverbundenheit (sowohl mit sich selbst, als auch seiner Gefolgschaft)selbst so geschwächt, wogegen Harry emotional immer stärker wurde. Und die Beschreibung dieser Entwicklungen finde ich einfach fantastisch im Sinne von wunderbar!
Nach dem letzten Band habe ich alle Potter-Bücher nochmal gelesen und ich kann nur allen Enttäuschten raten, das ebenfalls zu tun, denn dann erscheint die Gesamtwelt dieser Bücher und es ist nichts mehr nervend, unschlüssig oder langweilig.
Zum Beispiel die Sache mit dem Essen oder Heilen:
Wenn Zauberer Essen hexen könnten, also das Grundbedürfnis aller Lebewesen, was auch gleichbedeutend mit Geld ist, dann gäbe auch es keine armen Zauberer, wie die Weasleys oder Lupin.
Wenn Snape Wert auf gewaschene Haare legte, könnte er es als Superchemiker sich so einrichten, welche zu haben, es ist aber seine Eigenart.
Wenn Hermine eine so grosse Heilerin wäre, wäre sie nicht erst siebzehn und Harry hat es selbst versäumt heilen zu lernen. Jeder setzt eben seine Prioritäten anders.
Auf Schülerdeutsch übersetzt: Jedem steht es frei, für die nächste Schulaufgabe soviel zu lernen, dass er einen Einser schreiben kann, er tut es aber nicht, so ist das Leben.
Nicht jeder schöpft zu jeder Zeit seine Möglichkeiten voll aus, jeder hat blinde Flecke und ist mal nicht in Tagesform oder einfach aus Schock oder Schwäche handlungsunfähig.
Sonst gäbe es ja auch überhaupt keine Geschichten, denn die leben von den Fehlern und Ungereimtheiten der Menschheit!
In meiner 1000 bändigen Bibliothek befinden sich viele Bücher der Weltliteratur, Kindergeschichten, Krimis, viele Bücher über Politik, Psychologie, Esotherik und Kunst. In Harry Potter ist von allem etwas. Rowling hat es geschafft, fast alle Aspekte des Menschseins in ihren Büchern umzusetzen, man kann ihre Bücher in all diesen Sparten zitieren, sogar zum Unterricht anwenden.
Und trotzdem ist es nie abgedroschen, sondern sprüht von Fantasie, Witz und überraschenden Wendungen.
Was den deutschen Lesern wohl eher unbekannt ist, ist, dass gegen diese Geschichten aus der Zauberwelt in Amerika von religiösen Fanatikern Amok gelaufen wird, weil Hexen und Zauberer als gute Menschen beschrieben werden!
Dabei habe ich noch nie so differenziert über Gut und Böse und all die Zwischenformen, die Unentschiedenheiten und die menschlichen Entwicklungsmöglickeiten gelesen wie hier!
Beim mehrmaligen Lesen wird es Euch auffallen, sowohl den enttäuschten, als auch den begeisterten Lesern:
Nicht nur Machtbesessenheit schadet den Anderen (und auch sich selbst), sondern auch Pedanterie(Umbridge),Augenverschliessen(Fudge),Hörigkeit(Beatrix),Selbstverleugnung(Snape),Opportunismus(Percy),Angst um die Angehörigen(Lovegood),Faschismus(Malfoys u. Co),Gier(Fenrir) usw. usw.
Gut und Böse hat viele Gesichter und jeder hat zu jeder Zeit die Möglichkeit, sich für eine Handlung zu entscheiden, sich zu ändern.
Noch ein kleines Beispiel für die vielen, scheinbar nebensächlichen Dinge in all den Büchern.
Quiddich ist nicht nur eine lustige oder (für Sporthasser) nervtötende Angelegenheit. Ohne sein Talent und seine Übung als Sucher hätte Harry zwei der allesentscheidenden Horcruxe niemals erreicht. Und solcherlei schlüssige Dinge kann man zu Hunderten finden.
Also, Harry-Interessierte, lasst Euch nicht entmutigen, die Serie zu Ende zu lesen und...
Lehrer, Politiker, Soziologen, Psychologen, Literaten und sonstige Erwachsene, lasst Euch diesen Leckerbissen nicht entgehen.
Kauft aber nicht die deutsche oder britische Erwachsenenversion, sondern die amerikanische, gebundene Ausgabe, sie ist die schönste (mit Vorsatzpapier, Leinenrücken, Kapitelbildern und unterschiedlich gesetzten Schriften).
Und noch etwas zu Thema Kinderbuch.
Ein Kind, dem es zu viel ist, wird nicht weiterlesen, sondern aussteigen. Ich habe aber z. B. mit zehn Jahren Karl May gelesen, auch Wälzer mit vielen Hundert Seiten, in denen viele Menschen starben.
Es gab Verrat und Hinterlist, Folter, Erpressung,Politik, unglaubliche Kämpfe, aber auch viel Witz und List. Und diese Bücher waren genauso wenig als Kinderbücher gedacht, wie der Herr der Ringe, den ich mit zwölf gelesen habe.
Ein Kind, das es fertigbringt, solche Wälzer zu lesen, ist sicher reif genug, sie zu verkraften. Ob es alles versteht, was die Autorin gemeint hat ist nicht wichtig, das verstehen ja viele Ältere nicht einmal, wie man hier an den Rezensionen gut sehen kann.
Es geht doch bei Gewaltszenen, Verrat und Betrug immer um die Stellungnahme des Buches. Wenn diese Taten für gut gehalten, propagiert, entschuldigt oder gerechtfertigt werden, dann ist das Buch weder für Kinder noch sonstige Menschen geeignet, sondern einfach Verhetzung und Verletzung der Menschlichkeit.
Das kann man nun von den Harry Potter Büchern wirklich nicht sagen, auch wenn die religiösen Fanatiker allerortens das so sehen möchten.
Ich bin übrigens 54 und wünsche allen viel Freude am Lesen!