Nach acht Jahren ohne ein Studioalbum meldet sich Gillian Welch, diese große amerikanische Folksängerin, nun mit The Harrow & The Harvest zurück. Doch die Länge der scheinbaren Pause, die lediglich den Verzicht auf die Kommerzregel des jährlichen Albums signalisiert, verweist auf nichts weniger als eine zwischenzeitliche Untätigkeit. Bei Robyn Hitchcock, Tom Jones oder The Decemberists hat sie mit ihrem Mann David Rawlings seither gesungen, sowie natürlich auf Rawlings' eigenem Werk A Friend of a Friend aus dem Jahr 2009.
Und nun dieses Album mit zehn neuen Eigenkompositionen, darauf Welch und Rawlings von A bis Z alles (sic!) richtig machen, was für ein solches Unterfangen in Betracht kommt. Der völlige Verzicht auf Schlagzeug, Keyboards und jedwede Effekthascherei: Hurra! Es gibt keine Gaststars, die mit ihren Einlagen die Sache aufpeppen helfen, und keinen Starproduzenten, der die Natürlichkeit eines Klangbilds mit haufenweise Equipment inszeniert. Nein, auf The Harrow & The Harvest findet sich absolut nichts als Gesang und sparsame Begleitung via Gitarre, Banjo und Harmonika. Das allein lässt Raum für das wirklich Zentrale dieser Musik: die Songs.
Jedes einzelne der zehn Stücke ist eine reife Frucht, bis ins Kerngehäuse hinein ohne eine faule Stelle. Meine Güte, diese Frau dürfte meinethalben zwanzig Jahre auf den Horizont blicken, wenn so ein Werk das Ergebnis dessen wäre. Es ist für manchen Freund ihrer Musik (seit nunmehr 1996) natürlich nicht das erste Mal, dass die Tiefe und die Zeitlosigkeit ihrer Lieder einen in manchen Momenten schier umhaut. Diese Süße ohne Bitterkeit, diese Weitsicht ohne Gnade, diese Sehnsucht ohne Hoffnung - wer schafft das heutigentags so auf den Punkt zu bringen, wie es Gillian Welch mit ihrer scheinbaren Lockerheit zuwege bringt? Wenn ich mir, auch in der US-amerikanischen Folk- und Rockszene, die reihum verzweifelte Hatz nach dem neusten Trend, das ewige Tüfteln am elektronischen Klang, jenes unzerstörbare Dogma im Grunde technischer Originalität und vor allem die Ergebnisse dessen anhöre, dann ist The Harrow & The Harvest für mich persönlich Nektar & Ambrosia in einem.
Zugleich bleibt es ein Werk, das es nicht jedem recht machen will oder wird. Man muss sich auf die Kargheit der Arrangements, die spröde Dichte solcher Folksongs und die geforderte Aufmerksamkeit bezüglich ihrer Texte einlassen. Wem es gelingt, ohne sich hierfür anstrengen zu müssen, wird reich belohnt. Gillian Welch und David Rawlings liefern für mich mit The Harrow & The Harvest eine Kollektion ihrer Lieder, die wahrscheinlich mein Album des Jahres sein wird - ohne Abstriche großartig!