Apocalypse Now
Düsseldorf. Sommer 2008. Wolken wie eine graue Wand. Vom Himmel rinnen Sturzbäche herab, die Sonne kennt man nur noch aus Erzählungen. Der Verkehr schiebt sich mühsam durch die regennassen Straßen. Aus dem Autoradio dröhnt ein Song namens "Harmonia" von einer Band namens EARTHBEND. Zehn Minuten. Immer wieder dasselbe schleppende Gitarrenmotiv, verzerrte Stimmen, epischer Gesang. Weltuntergangsstimmung. Mal wieder. Es ist schließlich Sommer in Deutschland. Ortswechsel: Finsterwalde im tiefsten Brandenburg. Dort, wo EARTHBEND herkommen. Sturzbäche. Eine einsame Landstraße. Aus dem Autoradio dröhnt "Harmonia". Weltuntergangsstimmung. Mal wieder. Willkommen in der Apokalypse. Die ist nämlich überall da, wo der richtige Soundtrack ist.
Plötzlich wird es still. Ein einsames Schifferklavier spielt im Nieselregen, bricht ab und macht Platz für "Leroi". Und da ist es auch schon geschehen um die gestreckten, wabernden Songstrukturen. Stattdessen aggressive Riffs, gedrückter Gesang. Die Bedrohlichkeit wächst an. "Bones" nimmt sich gleich minutenlang Zeit, Spannung aufzubauen, die ihrerseits wieder zerstört wird, bevor es zu einem Ausbruch kommen kann. Dann bricht es doch noch herein: "If you die, maybe your soul is spinning around two hundred million years / To find a new body with bones". Die Saiten zerbersten, der Gesang zetert verzweifelt und das Schlagzeug zerlegt stur die gesamte Szenerie. Die Welt von oben, ein zerstörtes Schlachtfeld. Und schon herrscht wieder Stille. Alles kommt zum Erliegen. Längst ist das Gefühl da, in etwas viel zu großes hinein geraten zu sein. Ein Sound, überlebensgroß wie nur die Erdkrümmung selbst.
Und eigentlich muss so ein Versuch bei so jungen Künstlern wie EARTHBEND irgendwann scheitern. Irgendwann müssen die Gesten zu groß werden, der ganze Versuch zu anmaßend. Wird er aber in diesem Fall nicht. Keine Pathos-Keule, keine selbstverliebten '70er Soli. Stattdessen plötzlich fast poppige Töne. "Too Many Stars" wildert zwischen den QUEENS OF THE STONEAGE und partytauglichem Schweinerock der guten Sorte. Faust-in-die-Höhe-Gangshout inklusive. "Dragon Lady" liebäugelt kurzzeitig mit Hardrock und grüßt im Vorbeipreschen PINK FLOYD. "Scattergun" lässt ohne Rücksicht auf Verluste Gesang und Kratzbürsten-Gitarren besonders bösartig gegeneinander anlaufen. Ausgang ungewiss, nur dass am Ende alles kolossal in sich zusammenfällt, ist sicher.
Wenn dann "Tropical Heatwave", das an diesen kalten Sommertagen fast wie böser Spott wirkt, vorübergezogen ist und noch einmal sämtliche Einflüsse vereint hat, bleibt eigentlich nur ungläubiges Staunen. Darüber, dass hier aus einer völlig unerwarteten Ecke Musik ihren Weg gefunden hat. Darüber, wie abwechslungsreich deutsche Rockmusik sein kann, ohne dabei sämtliche Stile seelenlos durcheinanderzuwerfen. Und darüber, welche Bilder hier erzeugt werden. Denn eins ist sicher: Selten wurde der Weltuntergang eindrucksvoller vertont. Wie passend, im Sommer in Deutschland.