Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Buch der 1000 Bücher möchte aber noch mehr sein als ein Kanon der hohen Literatur. Auch wenn der Schwerpunkt eindeutig auf der Belletristik liegt, wird auch auf große Werke der Wissenschaft, vor allem der Geisteswissenschaft, hingewiesen. Hier wird es freilich interessant: Kann man in ein paar Zeilen Einsteins Relativitätstheorie oder Kants Kritik der reinen Vernunft zusammenfassen oder erklären? Der Versuch, auch solche Meilensteine der Geistesgeschichte zu berücksichtigen, ist ehrenhaft und auch grundsätzlich zu begrüßen, hat aber Sätze zur Folge, die unverständlich bleiben müssen. Z.B.: "Das raum-zeitliche Kontinuum ist in der allgemeinen Theorie nicht mehr euklidisch wie in der speziellen Theorie."
Wirklich fragwürdig ist allerdings die Entscheidung, auch Werke der Trivialliteratur aufzunehmen. Da findet sich gleich neben Nobelpreisträger Claude Simon, einem der wortmächtigsten lebenden Schriftsteller, Johannes Mario Simmel, der es mit seinen Büchern zwar regelmäßig in die Bestsellerlisten schaffte, aber in einem Kanon bedeutender Bücher fehl am Platz ist. Beispielsweise ist die kleinste Erzählung eines Franz Kafka, von dem nur drei Werke hier Erwähnung finden, bedeutender und wirkmächtiger als jeder noch so auflagenschwere Bestsellerroman. Das ist andererseits das Spannende an jedem Kanon: Dass es Vergnügen macht, sich aufzuregen, an der jeweiligen Auswahl zu reiben, Gegenvorschläge zu überlegen.
Von Petitessen dieser Art abgesehen, ist Das Buch der 1000 Bücher ein sehr gut gemachtes, faszinierendes Werk, in dem man sich nur allzu leicht festliest. --Christian Stahl
Kurzbeschreibung
Im Harenberg Verlag ist ein neuer Kanon der Literatur erschienen. Die Frage, welche Bücher der Mensch gelesen haben sollte, ist unter dem Kennwort "Literatur-Kanon" schon so oft gestellt worden, dass sich kaum noch neue Antworten finden lassen. Oder vielleicht doch? Der Harenberg Verlag will das Feuer nicht neu zündeln, sondern hat gleich einen Flächenbrand entfacht: "Das Buch der 1000 Bücher" ist der dicke Wälzer betitelt, in dem Herausgeber Joachim Kaiser über den Sinn eines solchen Kanons nachgedacht und für den 150 Autoren recherchiert, dokumentiert und aufgeschrieben haben, welche Bücher wann und warum die Welt bewegt haben.
1247 großformatige Buchseiten haben Kaiser und das Autorenteam gebraucht, bevor das Ergebnis jahrelanger Arbeit nun in den Buchhandlungen angekommen ist. Zu jedem der 1000 ausgewählten Werke aus rund zwei Jahrtausenden gibt es neben den genauen bibliographischen und historischen Daten jeweils Informationen über die Einordnung in die Kultur- und Geistesgeschichte.
Präzise Hinweise auf Entstehung und Umfeld, den kurz referierten Inhalt, eine Analyse zu Aufbau und Struktur und von der Redaktion besonders ernst genommen eine sehr präzise Wirkungsgeschichte. Das Ziel, soviel Stoff zu 1000 Büchern nach stringentem Konzept unterzubringen, hat den Band zu einem der umfangreichsten Nachschlagewerke der letzten Jahre gemacht. Wer es nicht in Seiten, sondern nach Gewicht ausdrücken will, bringt 3,1 kg auf die Waage.
"Das Buch der 1000 Bücher" wäre jedoch mit den Hinweisen auf die 1000 einzelnen Beiträge nur höchst unzureichend beschrieben, denn zur Konzeption gehört wie immer bei Harenberg sehr viel mehr: Da sind zuerst die rund 1250 größtenteils farbigen Abbildungen zu nennen, darunter Konterfeis der insgesamt 860 kommentierten Autoren, daneben vor allem die Abbildungen von Umschlägen wichtiger Original-, Erst- oder Jubiläumsausgaben, Szenen aus der Schreibwerkstatt, Fotos von Filmen, die nach den ausgewählten Werken entstanden sind, Dokumente von Dichterfreundschaften und viele andere Darstellungen.
Ergänzt werden die Texte zu den 1000 Büchern und die inhaltlich genau abgestimmten Abbildungen durch zahllose Übersichten. So gibt es die immer wiederkehrenden Rubriken "Die wichtigsten Bücher von ...", chronologische Anordnungen, die erkennen lassen, in welcher Reihenfolge sich die Hauptwerke eines Schriftstellers aneinandergefügt haben, für die großen Romane der Weltliteratur haben die Redakteure des Mammutwerkes kurze Charakteristiken der Hauptfiguren erarbeitet. Stichwort-Kästen enthalten Erläuterungen zu Fachbegriffen wie "Elegie" und zu Gattungen, literarischen Gruppen und Strömungen (wie z. B. "Frankfurter Schule" oder "Gruppe 47"). Andere Übersichten listen Bücher auf, die das selbe Thema wie das erörterte Werk zum Gegenstand haben.
In der Marginalspalte, die in allen Nachschlagewerken des Harenberg Verlages eine wichtige Rolle spielt und in der Redakteure und Autoren es inzwischen zur Meisterschaft gebracht haben, finden sich Textauszüge zu den besprochenen Werken, aber auch Zitate, in denen Freunde, Kritiker und Literaturhistoriker sich über das jeweilige Werk geäußert haben. So tritt zu den analysierenden Haupttexten das authentische Bild der oft spannenden und wechselvollen Rezeptionsgeschichte.
Natürlich wirft ein Werk, das den Kanon der Literaturgeschichte neu definieren möchte, die Frage nach der Auswahl auf. Herausgeber Kaiser und der Verlag haben betont, dass sie "1000 wichtige, wegweisende und lesenswerte Bücher" auswählen wollten. Berücksichtigt wurden nicht nur Romane, sondern auch bedeutende Novellen, eigenständige Lyriksammlungen und Kinderbuchklassiker, außerdem und darin liegt der besondere Reiz dieses Buches programmatische Schriften, exemplarische Sachbücher, Reiseberichte und bedeutende Monographien. Auch die großen anonymen Werke der Kulturgeschichte, also z. B. "Bibel", "Talmud" und "Koran", aber auch "Edda", "Nibelungenlied" und das "Gilgamesch-Epos" werden analysiert. Nur die dramatische Literatur bleibt außen vor was vielleicht darauf schließen lässt, dass mit einigem Abstand ein eigenes Werk zu diesem Thema folgen könnte.
"In den Naturwissenschaften ist jeweils der neueste Forschungsstand allein verbindlich", schreibt Kaiser in seiner Einleitung, "Inhalt und Gehalt einer Dichtung sind jedoch unüberholbare Sprachformen." Ob sich aus der literarischen Gesamtheit eine absolute Auswahl von 1000 Büchern treffen lässt, nimmt Kaiser nicht in Anspruch: "Der 'Kanon' ist eine empfehlende, hilfreich kommentierte Auswahl, die sehr wohl nützlich sein kann und dem Bereitwilligen, Aufgeschlossenen und Neugierigen helfen will. Jeder ehrgeizige Leser kann diesem 'Kanon' seinen 'eigenen Kanon', seine eigene Auswahl entgegensetzen."
In diesem Sinne ist die Diskussion eröffnet. "Das Buch der 1000 Bücher" erinnert an viele Werke, die von Generationen von Lesern verschlungen wurden und bis heute Maßstab geblieben sind. Es finden sich darin aber auch jene Bücher, die so viele Menschen immer schon lesen wollten, aber zu deren Lektüre sie vermutlich auch in Zukunft nicht kommen. Auch ihnen soll mit diesem Werk geholfen werden, denn es versteht sich als ein "Wegweiser für Leser".
Der Verlag über das Buch
"Das Buch der 1000 Bücher" will keinen akademischen Streit darüber auslösen, ob dieses statt jenem Buch in die Auswahl gehört hätte, sondern es soll ein Wegweiser für Menschen sein, die sich für Bücher interessieren, aber nicht alle Bücher lesen und erst recht nicht besitzen können. Unser Ziel war es, einen Kompass anzubieten, der den Weg zu nicht weniger als 1000 Büchern weist, die die Welt bewegten."
"Wir wollten kein Nachschlagewerk für Fachgelehrte machen, sondern für Leser, das jedoch mit der Gründlichkeit, die Voraussetzung für jedes Standardwerk ist."
Der Autor über sein Buch
"Wer nicht unsterblich ist, wer also keine Ewigkeit an Lese-Zeit zur Verfügung hat, der muss für sich wählen. Muss zumindest einige jener Werke zur Kenntnis nehmen, welche Kulturen und Nationen prägten. Dazu kann ein 'Kanon', eine empfehlende, hilfreich kommentierte Auswahl nützlich sein. Jeder ehrgeizige Leser mag dem seinen eigenen Kanon, seine eigene Auswahl entgegensetzen."
Ulrich Huse: Cheflektor
"Die Debatte über den 'Literatur-Kanon' ist die eine Sache. Um diese Diskussion überhaupt führen zu können, muss man die Bücher kennen, um die es geht. Deshalb haben wir mit 1000 Werken eine relativ große Anzahl von Büchern beschrieben, dokumentiert und analysiert. Die Konzeption, die wir für dieses Buch entwickelt haben, schafft größtmögliche Übersicht und erleichtert die Orientierung."