Dylan und seine kongeniale Begleitband, irgendwo 1976 vor einer enthusiastischen Menge... Komisch, dass dieses Live-Album relativ selten in den Plattenregalen zu finden ist. Am Album selber kann's nicht liegen, denn es enthält vor allem Songs aus einem seiner allerstärksten Alben überhaupt, nämlich aus "Blood on the Tracks", dazu aber auch noch anderes, nicht weniger Feines.
Dylan und seine Mitstreiter in allerbester Spiellaune sorgen dafür, dass die Musik sich hinter den Studio-Versionen nicht verstecken braucht. Dass man einen Live-Mitschnitt hört, macht sich nicht unangenehm bemerkbar, auch die Tonqualität ist den Umständen entsprechend gut.
Da die Angaben auf der CD-Hülle ebenso inexistent sind wie seinerzeit auf der LP, wo nicht einmal die Track-Reihenfolge stimmte, hier die richtige: Maggie's Farm, One too Many Mornings, Stuck inside of Mobile, Oh Sister, Lay Lady Lay, Shelter from the Storm, You're a Big Girl Now, I Threw It All Away, Idiot Wind.
Schon die ersten Gitarrenriffs von "Maggie's Farm" machen klar, wo's langgeht: Es fetzt und es tobt; die Musik ist fast noch sarkastischer als der Text selber. Dylan ist nunmal immer unschlagbar, wenn er sich nicht um andrer Leute Harmoniebedürfnisse schert, so wie hier. Nicht nur "I Threw It All Away" beweist das, mit seinem leichten Blues-Einschlag, der so brutal der Menschheit ganzen Jammer auf heulen lässt, wie man es sich sogar beim Blues kaum hätte vorstellen können. Und wie der Großmeister hier bekannt Geglaubtes aus seinem Eisernen Bestand radikal abstaubt, etwa "Lay Lady Lay" -- das muss man gehört haben, sonst glaubt man's nicht. Aber nicht, dass hier womöglich der Eindruck entsteht, Dylan mache nur Krach, oder was immer sich an trendhechelnden Assoziationen noch anbietet -- Ihr kennt Euren Dylan wohl nicht!
Jeder Track auf diesem Album ist ein Juwel, das auch musikalisch gut und gern mit den Studio-Alben jener Zeit mithält, von der Atmosphäre ganz abgesehen.
Wie gut der Meister aufgelegt war bei jenem Konzert, das beweist für alle Zeiten der letzte Track, das formidable Schlusswort eines genialen Albums, ein orgiastisch-spartanisches, knapp 10 Minuten langes "Idiot Wind" (Who the f*ck is Hendrix...) -- mit Worten nicht zu beschreiben.
Ein Bob Dylan braucht keinen Firlefanz, um ein überdurchschnittliches Konzert hinzubekommen. Im Gegensatz zu manchen anderen leicht verhauten Live-Alben geht hier Dylans Gesang nämlich nicht unter, im Gegenteil: Er legt los. Es reicht eigentlich schon, wenn er nachgerade ekstatisch näselt, und wenn dazu noch eine Begleitband der Extraklasse (Mick Ronson, Scarlett River, Rob Stoner, T-Bone-Burnett, David Mansfield, Howie Wyeth) aus ihren Gitarren und sonstigen Instrumenten rausholt, was irgend rauszuholen ist, dann dürfte auch jedem klar sein, warum es heißt, "Nobody Sings Dylan like Dylan".