Wohl kein anderes Thema ist im gesellschaftlichen Diskurs dermaßen eindeutig verortet. Wer über Pädophilie redet, urteilt bedingungslos. Täter und Opfer stehen fest. Mediale Dauerfeuer wie Naturkatastrophen, Selbstmordattentate und schulische Amokläufer rauschen Tag für Tag an uns vorbei, interessieren kaum. Zu weit weg, zu komplex, zu flüchtig. Wer aber Hand anlegt an Minderjährige, an die Unschuld per se, reißt ein Loch in die Gesellschaft. Hier pflegt zwar jeder Einzelne seinen kleinen Lifestyle-Eskapismus, kehrt aber brav auf die Grundfeste des alltäglichen Miteinander zurück. Irgendwie klappt das immer. Eine Bestie jedoch könnte uns den Spiegel vorhalten. Eine Bestie macht Angst.
Etwas Schlimmes wird passieren. Niemand wird es verhindern können, wie so oft. Jeff (Patrick Wilson), ein gut bezahlter Modefotograf, hat es auf junge Mädchen abgesehen. Sehr junge Mädchen. Im Chat bandelt er mit der 14-jährigen Hayley (Ellen Page) an. Die beiden treffen sich in einem Café. Hayley ist fasziniert von der Glamourwelt, in der sich Jeff bewegt. Spontan stimmt sie zu, als er ihr anbietet, einige Probeaufnahmen zu machen: bei ihm zuhause, in einem abgelegenen Luxus-Bungalow. Wie naiv kann man bloß sein?! Zum Lockerwerden mixt sich das fast knabenhafte Girl einen hochprozentigen Drink und beginnt, sich auf Jeffs Sofa zu räkeln. Er geht mit seiner Kamera nah ran, immer näher. Auch bei ihm scheint der Alkohol zu wirken. Farbrausch, Ekstase, Dunkelheit. Schnitt.
Die düstere Ahnung, die sich im Kopf des Zuschauers zusammenbraut, hat jedoch nichts mit dem zu tun, was nun folgt. Jeff sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Hayley, das scheinbar unbedarfte Opfer, hat eine Droge in seinen Drink gemixt und die Rollen vertauscht. Ein Spiel? Ein böses Spiel. Das Mädchen will sich an dem pädophilen Mann rächen. Ihr Plan ist so perfekt vorbereitet wie abartig in seiner Konsequenz. Hayley wird zum Skalpell greifen - sie will Jeff kastrieren.
Harter Stoff. "Hard Candy" geht bis ans Äußerste, zeigt aber nicht alles. Genau das macht den Film so erschreckend. Das hervorragend besetzte Kammerspiel, das in Kalifornien in nur 18 Tagen abgedreht wurde, zehrte an den Kraftreserven der Darsteller wie auch der gesamten Crew. "Noch nie zuvor habe ich einen ähnlichen Film gemacht", erinnert sich Patrick Wilson, der den erfolgreichen Fotografen in all seiner Brüchigkeit spielt. "Ich habe mich psychisch und physisch wirklich verausgabt." Regisseur David Slade, der mit diesem grandiosen Debüt die Gemüter erhitzt, brach beim Finish mehrmals ab: "Mein Cutter und ich mussten immer wieder Pausen einlegen, unsere Zähne zusammenbeißen und versuchen, das alles irgendwie abzuschütteln." Dabei ist Slade einiges gewohnt. Als Regisseur von Musikvideos arbeitete er für Acts wie Stone Temple Pilots, Aphex Twin und LFO, die allesamt musikalisch wie optisch die etwas härtere Gangart bevorzugen. In "Hard Candy" bedient er sich nun kongenial dieser Ästhetik. Kalte Räume, brutale Close-ups, schnelle Perspektivwechsel, flirrende Nervosität wurden mit Digitaltechnik gedreht, farblich bearbeitet und in London von Werbespot-Cutter Art Jones mit präzisem Blick zusammengesetzt. Nervzerfetzend seziert der Film Hass, Ohnmacht und Wahnsinn der beiden Protagonisten, schreitet unerbittlich zum letzten Akt, der Selbstjustiz. Plötzlich ertappt sich der Zuschauer dabei, auf die Seite des Gefesselten zu wechseln. Darf das denn sein: Mitgefühl mit einem Kinderschänder? Hat er sich überhaupt an all den jungen Frauen, deren Schönheit er mit der Kamera einfing, vergangen? Es wird kein einziges Mal explizit gezeigt.
Ellen Page, die in der Rolle des minderjährigen Racheengels eine fast beängstigende Leistung abliefert, war verwirrt vom Widerstreit der Gefühle, der sich bereits beim Lesen des Drehbuchs einstellte. "Wer von ihnen ist zu weit gegangen? Wer ist der Böse, wer der Gute? Darauf gibt der Film keine Antworten." Identifikation und Aversion, Mitleid und Verurteilung: "Hard Candy" wirft den Zuschauer hin und her, lässt ihn vollkommen allein im Angesicht dieser subtilen Bilderfolter. Im Endeffekt zeigt der Film, welche zerstörerischen, dunklen und zutiefst amoralischen Kräfte in uns allen schlummern.