„Diese Texte kamen auf einen zugestolpert wie Patienten, die ihre gebrochenen Knochen herzeigten. Mach uns heil, sagten sie, hier tut's weh, das muss repariert werden." Dieses vernichtende Urteil fällt Hilfslektor Keller über Manuskripte wie „Gaumenfreuden. Ein Kochbuch für Zahnlose", die er zu prüfen hat. Keller ist der Held der Kurzgeschichte „Blinde jagen", eine der besten in Scott Snyders Buch „Happy Fish". Snyders Storys erfreuen sich, um bei seinem Vergleich zu bleiben, guter Gesundheit. Verlierer männlichen Geschlechts sind die Hauptpersonen seiner acht kurzen Erzählungen - allesamt mehr oder weniger skurrile Menschen. Der größte Sonderling ist wohl Preston, quer durchs Land verfolgt er ein mysteriöses Luftschiff, in dem er seine Freundin Claire vermutet. In den anderen Storys geht es realistischer zu: Knapp neben der Alltagsrealität befinden sich die Helden dort, im gewöhnlichen Leben zwar, das sich aber aus einer absurden Perspektive zeigt. Diese ist die Stärke von Scott Snyder (Jahrgang 1976): Nicht nur die Plots sind originell, auch die Atmosphäre, in der die Geschichten spielen, lebt von Snyders Vorstellungskraft. Die Figuren seiner grotesken, befremdenden Geschichten richten bisweilen ernsthaftes Unheil an oder müssen ihrerseits Schicksalshiebe einstecken, aber letztlich setzt Snyder aus seinen Einfällen viel mehr einen phantasievollen, manchmal irrwitzigen Tagtraum zusammen als einen beängstigenden Albtraum. Dem Reichtum kurioser Ideen steht eine nicht immer ähnlich faszinierende Sprache gegenüber. Bei manchen Abschnitten, in denen sich uninspirierte Sätze aneinander reihen, scheint dem Autor vorübergehend die Luft ausgegangen zu sein. Trotzdem ist „Happy Fish" ein Lesevergnügen, eine Fahrkarte in eine eigenartige Welt, die ihren Besuchern einige Überraschungen bietet.