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Hamburg, Bremen, Lübeck: Um dieses Dreigestirn dreht sich dieser Schlendergang durch fast ein Jahrtausend deutscher Bürger-, Küsten-, Handels- und Seefahrtsgeschichte. Die Leser erwartet genau das, was der Untertitel verheißt: Von stolzen Bürgern und schönen Legenden.
Zum Beispiel -- um beim Üblen anzufangen -- die Legende, die Nazis hätten sich am angelsächsisch-kühlen, nüchtern kalkulierenden Handelsvolk die Zähne ausgebissen: Genau das Gegenteil ist richtig. Hitler nie in Hamburg? Bloß in Berlin war er noch öfter. Oder die Legende von der Solidität der Handelsherren: Lug und Betrug gab es auch hier, Bankrott, Fallibilität, Hängen und Würgen, Ach und Krach. Aber es gab eben auch das andere, das Hanseatische, Wagende, Weit-hinaus-Denkende: Im deutschen Liliput, wo der Blick zum Horizont immer schon am nächsten Hügelchen endete, war das schon etwas ganz eigenes.
Wer Thomas Manns Buddenbrooks liebt, Ralph Giordano oder Walter Kempowski (obwohl dessen Romane ja in Rostock spielen), sollte sich diesen Geschichts- und Geschichtenband nicht entgehen lassen: Er weitet den Kopf und liefert die Hintergründe; man wird den Lieblingsautor mit mehr Verständnis lesen.
Für Nordlichter ist dieser reich illustrierte Band ein "Muß" und allen übrigen von Baden bis Bayern sei er dringend empfohlen zum besseren Verständnis auch der eigenen Geschichte. Der Autor Matthias Wegner ist übrigens in München aufgewachsen. --Michael Winteroll -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Matthias Wegner über die Hanseaten
Von Hans-Albrecht Koch
Ein alter Wahlspruch der Hanseaten lautet: «Mehr sein als scheinen.» Aber nicht jeder, der sich dieser Devise verpflichtet weiss, darf sich deswegen schon als Hanseat fühlen. Selbst durch Herkommen und eigenes Handelshaus mit einer Hansestadt verbundene Kaufherren sind noch keine Hanseaten, sondern «nur» hansische Kaufleute. Den Hanseaten konstituiert vielmehr, dass er aus Lübeck, Hamburg oder Bremen kommt, also einer der alten, seit Jahrhunderten nur dem Kaiser untertanen Freien Hansestädte, von denen Lübeck freilich bereits 1937 seine politische Freiheit durch die Nationalsozialisten einbüsste. Schliesslich muss er noch zu einer «der» Familien gehören und sollte möglichst in England ausgebildet worden sein. So will es zumindest der Mythos.
Als Hanseat in diesem Sinne versteht sich Matthias Wegner und nimmt daher Danziger Handelsherren gar nicht erst wahr, geschweige denn jene eigene Spezies deutscher Hansekaufleute, die in Reval oder Riga unter wechselnden Herrschaften des Deutschen Ordens, schwedischer Könige und russischer Zaren und als Bürger der Republiken Estland und Lettland bis 1939 eine eigenartig abgehobene Existenz führten. Die ins Mittelalter zurückreichenden Schwarzhäupter-Bruderschaften aus beiden baltischen Städten bestehen bis heute mit Sitz in Bremen, wo der öffentlich ausgestellte Silberschatz der Rigaer Schwarzhäupter dokumentiert, dass der Reichtum des Kaufmanns nicht die schlechteste Grundlage von Kultur ist.
«Mängelwesen»
Auch Wegner hat viel davon zu erzählen, was etwa das Musikleben im schon von Telemann-Kantaten verwöhnten Hamburg oder die Bremer Kunsthalle, aber auch die Einrichtungen der Wohlfahrt oder die öffentlichen Parkanlagen der mäzenatischen Gesinnung ihrer Kaufherren verdanken. Sympathisch berührt an seinen frischen und mit vielen Quellenzitaten und schönen Abbildungen durchsetzten Schilderungen, dass die Hanseaten als richtige «Mängelwesen» erscheinen. Etwas fehlt ihnen allen und zu allen Zeiten: Da muss ein Caspar Johann Voght erst einmal eine ganze Laufbahn als jugendlich-gehemmter Bonvivant in den west- und südeuropäischen Städten hinter sich bringen, ehe er zum grössten Philanthropen Hamburgs im 18. Jahrhundert wird. Hamburger Kaufleute laden Lessing ein, in ihrer Stadt ein Nationaltheater zu etablieren, gehen die Sache als knauserige «Pfeffersäcke» aber so halbherzig an, dass das Unternehmen schon falliert, ehe es recht begonnen hat. Der Reeder Sloman spendet grossherzig für seine Vaterstadt, hat aber zum Ausgleich keine Skrupel, sein Schiff nach Amerika mit Auswanderern so zu überladen, dass die New Yorker Einwanderungsinspektoren das Grauen packt: 540 Passagiere und vier Toiletten! Ein künftiger Bankier lernt, zu Hause zur Vorbereitung auf den Stand des «Ehrbaren Kaufmanns» ausgebildet, erst einmal, dass er in der Schule natürlich schummeln möge, nur dürfe er sich nicht erwischen lassen.
Mit den Erfolgen des Stadtadels in Handel, Versicherung oder Schiffbau kontrastieren grosse Nöte, welche die Kehrseite des kaufmännischen Wagemuts bilden. Nur ein habsburgischer Kredit rettete im 19. Jahrhundert Hamburg einmal vor dem Staatsbankrott. Nach dem furchtbaren Brand von 1842 bauten die Hamburger ihre Stadt, die der Schweizer Jeremias Gotthelf bei seinem Besuch noch als schmutzig, traurig und ekelerregend empfunden hatte, in modernem Geschmack wieder auf und liessen den Architekten Alexis de Châteauneuf mit den Alsterarkaden im neuen Zentrum einen fast mediterranen Prospekt errichten. Vom jahrhundertealten Bremer Schaffermahl und seinem wohltätigen Zweck wird erzählt, allerdings nicht von der sogenannten Eiswette, dem zweiten Gesellschaftsspiel bremischer Kaufleute, dessen jährlicher Nutzniesser die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist. Auch die Unterschiede im Hanseatentum der drei Städte, von denen Lübeck, einst die Mutter der Hanse, wegen der Ostlage im Atlantikhandel gegenüber Hamburg und Bremen aber zurückfiel, führt der Autor geschickt und immer ein wenig süffisant vor Augen, wenn er z. B. die Contrescarpe-Villa eines calvinistischen Bremers und das Elbchaussee-Landhaus eines Hamburgers vergleicht.
Aber auch ein Buch der Entmythologisierung hat Wegner geschrieben. Ernst Merck, führender Hamburger Bankier, Mitgründer der Hapag-Reederei, Senator und Abgeordneter im Paulskirchenparlament, nannte die Juden den «Krebsschaden Hamburgs». Wenige Jahre zuvor hatte Salomon Heine, der Onkel des scharfzüngigen Dichters und vielfacher Wohltäter der Stadt, sein Haus sprengen lassen, um das weitere Ausgreifen der Feuersbrunst von 1842 zu verhindern. In die «Vereinigung eines ehrbaren Kaufmanns», den vornehmsten Klub, wurde er nicht aufgenommen, wenn ihm auch die aus aufklärerischer Gesinnung im 18. Jahrhundert entstandene «Patriotische Gesellschaft» die Mitgliedschaft antrug. Den richtigen Zeitpunkt abzuwarten statt vorzeitig zu handeln ist eine wichtige Maxime kaufmännischen Tuns, in den dreissiger Jahren übten nicht wenige Hamburger Kaufleute solchen Attentismus auch in der sicheren merkantilen Erwartung, dass ihnen die Geschäftsanteile ihrer jüdischen Partner durch die Politik der Nazis von selbst zufallen würden.
In Bremen und Hamburg treten den sonst so unsentimentalen Hanseaten ausnahmsweise immer gleich die Tränen in die Augen, wenn von dem Rowohlt-Bändchen «Sommer in Lesmona» die Rede ist, einem Briefroman, in dem sich die Ehefrau Gustav Paulis, des Direktors der Bremer und später der Hamburger Kunsthalle, den Schmerz über eine verflossene Liebe von der Seele schreibt. Wegner macht da keine Ausnahme, hat doch sein Schwiegervater die Blätter zum Druck befördert . . . Die Wahrheit aber bleibt, dass Pauli als Kunsthistoriker und Museumsmann Bedeutendes geleistet hat, während die Blätter seiner Frau doch nur ein Drehbuch zur Vorabendserie abgeben, die daraus vor ein paar Jahren auch tatsächlich entstanden ist, etwa so, wie man sich die «Buddenbrooks» vorstellen muss, hätte nicht Thomas Mann, sondern die unglückliche Tochter Tony des Lübecker Senators selbst sie geschrieben.
Einiger anderer Männer hätte noch gedacht werden sollen, so des Bremer Weinhändlersohns Johann Georg Kohl, der in Amerika als Geograph und Historiker zu höchsten Ehren gelangte; er hatte 1841 zu früh also, um in der Alten Welt damit Glauben zu finden Wolkenkratzer und unterirdische Einkaufszentren prognostiziert. Oder Gustav Radbruchs, des bedeutenden Strafrechtlers und Gegners der Todesstrafe, der schon durch seine politische Entscheidung für die Sozialdemokratie von den vorgezeichneten Wegen eines Lübecker Kaufmannssohns abwich. Noch als Reichsjustizminister der Weimarer Republik besuchte Radbruch trotz allen politischen Differenzen einen ehemaligen Klassenkameraden am Lübecker Katharineum, den Edelanarchisten und Schriftsteller Erich Mühsam, der als Münchener Räterepublikaner seine Festungshaft absass.
Welt- und Weitblick
Wenn auch nicht Hanseaten von Geburt, so doch Hamburger Patrioten mit Welt- und Weitblick waren Max Brauer, der nach dem Kriege als Erster Bürgermeister den Wiederaufbau einleitete, und der aus Amerika zurückgekehrte jüdische Finanzexperte Herbert Weichmann, dessen Händen bessere hätte er nicht finden können Brauer die Hamburger Staatskasse anvertraute. Brauer, der Sohn eines Glasbläsers, den Hitler aus dem Amt des Oberbürgermeisters der damals noch nicht zu Hamburg gehörigen Stadt Altona vertrieb, personifiziert nachgerade die geglückte Symbiose alter hanseatischer und neuer sozialdemokratischer Tugenden.
Zu den hanseatischen Legenden gehört, dass Handel und Politik in den Stadtrepubliken, wo nach altem römischem Prinzip in öffentlichen Dingen nur derjenige etwas zu entscheiden hatte, der dabei auch sein Geld riskierte, stets einen Block gebildet hätten. In Bremen gab es aber bereits seit dem 17. Jahrhundert heftige Konflikte zwischen den Älterleuten der Kaufmannschaft und dem Rat, die bis vor das Reichskammergericht gebracht wurden. Die Älterleute, die als Collegium seniorum ihr Haus Schütting sichtbar dem Rathaus gegenüber in Opposition sozusagen errichtet hatten und eine Art Vorläufer der später in der Handelskammer organisierten Selbstverwaltung bildeten, beanspruchten immer mehr Mitentscheidung in wirtschaftlichen Fragen. An dem Modell hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert: Die Politik wird im Rathaus, die Wirtschaftspolitik aber im Hause Schütting gemacht.
Wer die drei Städte von innen kennt, wird bald gewahr, dass man dort sehr dicht aufeinander sitzt. Das begünstigt nicht nur die Eintracht, sondern stachelt auch die Neigung zu Illoyalität und Intrige an, die schon die älteste und schönste aller Seerepubliken, Venedig nämlich, allmählich zermürbt hatten. Soviel der Nachträge zu einem Buch, das fast alles über die Hanseaten mitteilt, was man wissen muss, wenn man sich mit ihnen einlässt. Vielleicht sollte man sich aber auch noch an folgendes erinnern: In der Schweiz gebrauchte man im 19. Jahrhundert den Ausdruck «nach der Bremer Klausel akkordieren», wenn man dem mündlich gegebenen Wort mehr vertraute als schriftlichen Kontrakten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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