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Ist Schreiben und Leben dasselbe, 23. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Hanns Johst: "Der Barde der SS": Karrieren eines deutschen Dichters (Gebundene Ausgabe)
Von den expressionistischen Anfängen, gedruckt bei Kurt Wolff und Franz Pfemfert, der Teilnahme am Kutscher-Kreis, über die Mitgliedschaft in Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur, die Präsidentschaft der Reichsschrifttumskammer bis hin zu gelegentlicher Autorschaft für die EDEKA-Kundenzeitschrift Die kluge Hausfrau, veröffentlicht unter Pseudonym so geht die Karriere eines deutschen Dichters, der seit Lukács immer einmal wieder als Paradebeispiel für die objektive Gemeinsamkeit von Expressionismus und Faschismus herzuhalten hatte. Mussten sie so ausgehen?
Hanns Johst (1890-1978), den Verfasser von Der Einsame und Schlageter, hat die Literatur- und Theaterwissenschaft, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, lieber ausgelassen. Nun hat der Osnabrücker Literaturwissenschaftler Rolf Düsterberg die erste umfassende Biographie vorgelegt, in acht selbstständigen Kapiteln insbesondere die anrüchige politische Entwicklung des Dichters chronologisch aufbereitet.
Düsterberg rechnet Johst dem Expressionismus gar nicht erst wirklich zu und erzählt die Karriere des Dichters als eine, zwangsläufige, Karriere zum Nationalsozialisten und SS-Führer. So hat auch Johst sie gern dargestellt, selbst zu einer Zeit noch, da sich andere Schreibtisch-Täter längst mit flinkem Bekenntnis zu Demokratie und Wirtschaftswunder in den bundesdeutschen Literaturbetrieb hatten einkaufen können. Der zeigte Johst die kalte Schulter, verstand sich dieser doch ebenso wenig auf Konzessionen an die Kolonie der vier Sieger, wie er sich auf Konzessionen an die Weimarer Republik verstanden hatte. Johst blieb bis zu seinem Tod 1978 überzeugter Nationalsozialist. Düsterbergs Erklärungen aber, wie Johst dazu wurde, überzeugen nicht.
Um den Überzeugungen Johsts auf den Grund zu kommen, wäre der Weimarer Republik auf den Grund zu kommen. Das scheint in unserem historischen Moment dringlich, da sich der Ausnahmezustand in der Politik der Gegenwart immer mehr als das herrschende Paradigma des Regierens erweist Agamben benennt, was wir erleben. Düsterberg benennt zwar, was Johst erlebte, mag dem aber nicht auf den Grund gehen. Was sich dem Bild von der Linearität seiner Entwicklung nicht widerspruchslos einpassen will, zieht Düsterberg nur selektiv zurate, Johsts Werk beispielsweise. Es bedürfe keiner übermäßigen interpretatorischen Anstrengungen, um in den Texten des Autors dessen eigene Positionen, Stellungnahmen und Wertungen zu erkennen. Doch nicht einmal Johst selbst hat Intention und Ausdruck in eins gesetzt, der Bekenntnis-Autor war sich auch vor 1945 der Differenz von Text und Autor durchaus bewusst: Ein Dialog im Drama wird zum Bekenntnis des Dramatikers erklärt. Ein schmutziges Mittel, durch falsche Karten ein gestelltes Spiel zu gewinnen. Die Bedingnisse seines Schreibens vor 1933 wie die seines Verstummens nach 1933 als Dichter, nicht als Propagandist bleiben in Düsterbergs Darstellung unscharf. Dass Düsterberg für die Druckausgabe auf die ursprünglich vorgesehene Dokumentation wichtiger Texte Johsts verzichtet hat, ist bedauerlich.
Seine Arbeit will Düsterberg als eine literaturpolitische Biographie verstanden wissen, ohne aber Biographie als literarische Gattung zu entfalten und zugleich zu reflektieren. Für die Rekonstruktion von Johsts äußerem Leben, besonders während der Zeit des Nationalsozialismus und der Entnazifizierungs-Farce danach, konnte Düsterberg neben den in München archivierten Spruchkammerakten und Materialien aus dem Bundesarchiv Berlin, der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin, auch den umfangreichen Nachlass auswerten, den die Tochter Krista Johst 1985 dem Deutschen Literaturarchiv Marbach a. N. übergeben hatte. Der schriftstellerische Nachlass wird aufzuarbeiten, der Rolle Artur Kutschers für Johsts dramatisches Werk, Johsts Tätigkeit als Erster Dramaturg am Berliner Schauspielhaus, Johsts Verhältnis zu Gottfried Benn weiter nachzugehen sein. Rolf Düsterberg hat neue Fährten ausgelegt.
Orientierte sich das deutsche Theater seit der Nachkriegszeit vordergründig an dem Erbe des linken Theaters der zwanziger Jahre und des Exils, so wirkten untergründig immer auch Postulate Völkischer Dramaturgie weiter, und das bis heute. Sie wissenschaftlich aufzuarbeiten ist das eine, ihr auf dem Theater beizukommen das andere. Wie umgehen mit den Dramen der Möller, Rehberg, Langenbeck, Baumann und Johst?
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