Pedro Barcelós Hannibal-Biographie hat das selbe Problem wie jede andere Biographie über eine althistorische Gestalt: Das fernsehverwöhnte Publikum will Details, Infos, am liebsten das ganze Leben Hannibals exakt beschrieben bekommen - dabei geben die Quellen aneinandergereiht vielleicht Stoff für 30 Seiten her. Dass unter solchen Voraussetzungen jede Biographie etwa Hannibals Seiten schinden muss, ist offensichtlich; auch Barceló, der sich seit 20 Jahren mit dem Thema Karthago und Hannibal beschäftigt (mit kaum etwas anderem, genau genommen ...), stellt hier keine Ausnahme dar. Ärgerlich wird es, wenn dann offensichtlich fragwürdige Quellenaussagen ernst genommen werden, um die Quellenlage nicht noch zusätzlich zu beschneiden, aber dazu unten mehr.
Zunächst die positiven Aspekte. Barceló holt hinreichend weit aus, stellt Hannibal in einen historischen Zusammenhang, der gut in Drittel des Buches einnimmt und Hannibals Auftreten nicht in der Luft hängen lässt. Dass der Autor dabei dem Fachmann wenig Neues bietet, ist zu verschmerzen, zumal er durchaus in der Lage ist, Position zu beziehen: Den Hiberus etwa identifiziert er nicht mit dem Ebro, sondern mit dem Segura, ersteres aus gutem Grund, letzteres freilich eher willkürlich. Auch der Abschnitt zur Nachwirkung Hannibals ist gelungen: Auf eine forschungsgeschichtliche Einordnung nach Vorbild Karl Christs verzichtet Barceló und untersucht stattdessen die künstlerischen Darstellungen Hannibals sowie die Berufungen mancher Machthaber auf den karthagischen Feldherrn in ihrem jeweiligen historischen Kontext. Positiv hervorzuheben ist auch, dass Barceló in Hannibal nicht nur den Militär zu sehen bestrebt ist, sondern auch seine politischen Versuche einbezieht - wenn auch die Konzeption einer "mittelmeerunspannenden antirömischen Allianz" (S. 114) scheiterte.
Mehr Positives fällt mir nicht ein.
Dagegen stehen einige schwerwiegende Mängel, die es unwahrscheinlich machen, dass Barcelós Buch in der historischen Forschung ernsthafte Rezeption erfahren wird. Der Übersicht halber seien meine Kritikpunkte nummeriert.
1. Immer wieder lässt sich Barceló zu Bemerkungen hinreißen, die jedes wissenschaftlichen Niveaus entbehren. Das bezieht sich neben zahlreichen schlichten Grammatikfehlern und simplem Sprachstil auf reine Vermutungen ebenso wie auf moralische Urteile. So verkündet Barceló, offenbar Bewunderung heischend für Karthagos Charakterstärke: "Doch trotz der Vermischung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen blieb die karthagische Identität unangetastet" (S. 56). Wer denkt hier nicht an die "Germania" des Tacitus, an das Lob der Germanen als "ein eigenes, unvermischtes und nur sich selbst Ähnliches Volk" (Tac. Germ. 4)? Barceló übernimmt unreflektiert Topoi der antiken Ethnologie und projiziert sie mit genau dem gleichen Zweck auf seinen Gegenstand: Wir sollen staunen und bewundern ob der kulturellen Eigenart und Beständigkeit der Karthager - man sollte meinen, in der heutigen Forschung sei das obsolet geworden, schließlich gilt das Interesse mehr und mehr kulturellen Übergängen, nicht dem gar nicht möglichen Beharren im Eigenen.
2. Weitere Beispiele für Barcelós recht unreflektierten Umgang mit historischer Methodik sind die zahlreichen Momente, in denen Zusammenhänge postuliert werden, die unmöglich nachzuweisen sind. Ist es wirklich "zweifellos" feststellbar, dass Hannibal als 10-Jähriger zutiefst von den politischen Ereignissen seiner Zeit geprägt wurde, wie es S. 69 heißt? Woher wissen wir, dass Hannibal als Kind "sicher" die Berichte über die Taten des Herakles begierig aufgenommen hat, dass gar eine bestimmte Episode (Herakles besiegt einen italischen Riesen) ihm "angesichts der späteren Entwicklung" (Kampf gegen Rom) auf jeden Fall im Gedächtnis geblieben ist, wie S. 78 dargestellt? Darf man wirklich in ein Buch schreiben, dass Archimedes und Hannibal deshalb (getrennt voneinander, natürlich) gegen Rom kämpften, weil die römische Arroganz eben die brillanten Köpfe der Zeit abgeschreckt habe, wie Barceló es S. 167 tut?
3. Extrem störend ist die ständige Tendenz Barcelós zur Moralisierung, die natürlich zu Gunsten Karthagos ausfällt und Rom als ständigen Aggressor darstellt. Die römische Arroganz wurde schon genannt, bezeichnend ist zudem Barcelós Nebeneinanderstellung der punischen Kriege und des 2. makedonischen Krieges: Der Autor möchte hier eine "lange Reihe imperialistischer Übergriffe" erkennen, "die so alt waren wie die Entwicklung der römischen Hegemonie über Italien" (S. 226). Kein Wort davon, dass der 1. Punische Krieg ein ewig kontroverses Thema der Forschung darstellt und viel dafür spricht, dass Rom in den Krieg eher hineinschlidderte als ihn selbst zu planen (vgl. dafür schon Alfred Heuß, das war 1949!), kein Wort davon, dass gerade Barcelós schlüssige Verlegung des Ebros in die Gegend südlich von Sagunt Hannibal vor Beginn des 2. Punischen Kriegs des Vertragsbruchs überführt, kein Verständnis dafür, dass nach den existenzbedrohenden Gefahren, die von Karthago ausgegangen waren, das Sicherheitsbedürfnis der Römer wachsen musste und entsprechend auch eine Großreichsbildung in Makedonien als Gefahr wahrgenommen wurde. Gewiss hat Barceló Recht, wenn er die einseitige Darstellung römischer Historiker kritisiert, aber wie so oft geht er zu weit in die andere Richtung - und fungiert so als Stellvertreter für verloren gegangene, mutmaßlich prokarthagische Darstellungen. Dass darüberhinaus relativ plump Beziehungen zu aktuellen politischen Themen hergestellt werden (etwa mit Formulierungen wie "Wann die Römer als bedroht anzusehen seien, das definierten sie selbst, ebenso wie die Frage, was als römische Interessen zu gelten hatte", S. 226),macht die Sache nicht besser, zumal nicht erst mit Münklers Buch über "Imperien" das moralisierende Amerika-Bashing verabschiedet sein sollte.
4. Schlichtweg ärgerlich ist es, wie Barceló, gezwungen durch den Mangel an brauchbaren Quellen, auch unbrauchbare zitiert und in seine Argumentation einbaut - und zwar immer dann, wenn es ihm passt. Das führt zu bemerkenswerten Späßen: Mit Recht erkennt Barceló die bei Livius überliefete Rede Hannos, in der dieser die Auslieferung Hannibals an die Römer fordert, für ein Konstrukt, wie es natürlich mit jeder Livius-Rede getan werden muss. Aber man stutzt doch sehr, wenn er einerseits die Hanno-Rede für "frei erfunden" hält, wenig später jedoch bei eienr Hannibal-Rede feststellt, sie sei "interessanterweise vom römischen Historiker Livius überliefert" (S. 113). Das ist in der Tat "interessant": woher soll Livius Hannibals Reden im Feldlager kennen, wenn schon eine offizielle Rede Hannos vor den karthagischen Oberen für "frei erfunden" gelten darf? So verfährt Barceló mit allen Reden Hannibals - es wäre ja auch für seine Zwecke höchst ärgerlich, die schlichte Wahrheit eingestehen zu müssen: Dass wir bei Livius keine authentischen Hannibal-Reden vor uns haben können. Bemerkenswert wird dies vor allem, wenn er auf Basis der Reden wichtige Schlüsse zieht, etwa "den Zusammenhang zwischen propagandistischer Kriegführung und militärischen Aktionen" (S. 128) bestätigt sieht.
Mithin: Das Buch lohnt sich für niemanden so wirklich. Wer keine Ahnung von der Sache hat, dem ist es zu kurz, wie auch an einer Rezension unten ersichtlich. Der Fachmann hingegen kann sich weite Strecken des Buches ersparen.