Seit einigen Jahren ist Hannibal Lecter einer der populärsten Serienkiller der Literatur und Kinoleinwand. Letzteres ist ein Verdienst von Anthony Hopkins, der dem gewieften Kannibalen eine so unglaublich starke Ausstrahlung verlieh.
Lecter wirkte auf den Betrachter stets geheimnisvoll und bis dato gab es nur sehr wenige Details aus seiner Vergangenheit.
Im besten Fall müsste "Hannibal Rising" also eine Vorgeschichte mit einer solchen Charakterisierung leisten, die den späteren Hannibal in Form von Hopkins Darstellung gut erkennen lässt.
Mal sehen, da haben wir auf der einen Seite einen überaus konstruierten Rachefeldzug und auf der anderen eine etwas fadenscheinige Erklärung, warum aus einem Kriegsopfer ein unfehlbarer Killer mit kannibalistischen Neigungen wird.
Immerhin fällt das Ganze, wohlgemerkt im Kontext zu "Schweigen der Lämmer" und "Hannibal", recht unterhaltsam aus, oft bildgewaltig und mit einem Gaspard Ulliel als Hauptfigur, der Hopkins Darstellung offenbar recht gut studiert hat.
Im Kern steht jedoch Hannibals mörderische Rache an den Milizionären, die damals, zur Zeit des ersten Weltkriegs als Kollaborateure tätig waren. Hannibal war acht Jahre alt, als er hilflos mit ansehen musste, als sie seine Schwester töteten und ihr Fleisch aßen.
Nachdem er eine Zeit im Waisenhaus aufwuchs, von dort zu seiner Tante nach Frankreich flüchtete, wo er durch sie asiatische Weißheiten und Kampftechniken erlernte, beginnt er als jüngster Student der Geschichte Frankreichs ein Medizinstudium.
Zu dieser Zeit gelingt es ihm, die Bilder seiner Vergangenheit zu konkretisieren und die Peiniger ausfindig zu machen.
Das Problem ist: Der junge Hannibal ist noch unfehlbarer, als der, den wir bereits kennen.
Der Mann ahnt kilometerweit, wenn sich ein Gegner nähert, findet binnen kürzester Zeit die Adressen seiner Peiniger und wenn tatsächlich mal jemand auf ihn schießt, trägt man zur Sicherheit an genau der Stelle ein Schwert unter dem Mantel.
Man hätte ihm das abgenommen, wenn seine Figur gereift wäre, aber er ist von Beginn an zynisch, ruhig, wortgewandt und total selbstsicher.
Demgegenüber fehlt vor allem ein glaubhafter Werdegang, der auch Fehler zulässt, denn so perfekt kann die Erziehung seiner asiatischen Tante (da gibt es auch eine erotische, kaum angedeutete Komponente) nicht sein. Und mehr als ihren erzieherischen Umgang und das Vertiefen in Fachbüchern wird nicht aufgezeigt, was als Grundlage für diesen vielschichtigen Charakter einfach zu wenig ist.
Etwas unglaubwürdig, wenn nicht gar komplett hanebüchen sind dann auch einzelne Aspekte der Handlung.
Denn, in den 50ern mal so eben von Frankreich mit dem Zug nach Litauen zu reisen, stellt sich hier wie eine Fahrt mit dem Wochenendticket dar, ganz zu schweigen von behördlichen Problemen, die hier nur anhand eines veralteten Lichtbildes ankommen, lächerlich. Genauso wie die Nachrichtenübertragung. Hannibal tötet in seiner Heimat den ersten Peiniger, der eigentlich ihn auf ebenfalls konstruierte Weise entdeckt und dann wird der Mord mal eben problemlos an die französische Polizei übermittelt, - das müssen aber redselige Kommunisten gewesen sein.
Oder der andere Peiniger, der eigentlich mit der damaligen Tat abschließen möchte, es aber fertig bringt, den Armreif des getöteten Opfers seiner eigenen zu schenken, - so ein Schwachsinn. Und wie es das Klischee verlangt, ist der Oberboss von damals ein regelrechter Syndikatschef, der Frauenhandel so nebenher betreibt und vor keiner Gräueltat zurückschreckt.
Auf der anderen Seite haben wir aber einen recht knackigen, oft derben Rachefeldzug, der Hannibals spätere Handschrift durchaus kennzeichnet und nachvollziehbar macht. Teilweise spiegelt die junge Hauptfigur recht gekonnt die bereits bekannte wieder, dank Gaspard Ulliel im Detail auch in der Körperhaltung, der manchmal etwas zu übertriebenen Gestik und in einigen Gesichtsausdrücken.
Entsprechend knackig und manchmal recht blutig (Brust aufschlitzen) fallen die Morde aus, wenn auch bedingt spannend, da man ja weiß, dass die Hauptfigur in jedem Fall überleben wird.
Aber zumindest hat man ein wenig das Gefühl, diese Figur zu kennen, wenn auch nicht durchschaut zu haben, denn dafür bietet der Stoff eine zu oberflächliche Nahrung.
Doch unterm Strich bleibt zwischen Kendo, Nelkenöl, dem Schlachten eines Schlachters, einem im Verlauf belanglosen Inspektor für Kriegsverbrechen und einer ominösen Medizin zur Bewusstseinerweiterung viel Unterhaltsames hängen. Und Dank der Figur, dem Menschen, der Durchleuchtung Hannibals mit dem Hintergrundwissen wie er heute ist, auch ein wenig Diskussionsstoff für Hobbypsychologen.
--- Maichklang