== Schneiders Ghostwriter ==
"Hanni und Nanni geben nicht auf" ist Band 5 der Hanni&Nanni-Reihe, jedenfalls in Deutschland. Ein englisches Original gibt es zu diesem Band nicht, Schneider hat eine(n) Ghostwriter(in) engagiert - oder im Laufe der Jahre vermutlich mehrere. Ich weiß leider nicht, wer dieses Buch geschrieben hat; Enid Blyton war es definitiv nicht, und nach Tina Caspari (Fortsetzerin der Dolly-Reihe) klingt der Stil ebenfalls nicht. Weiß vielleicht jemand, wer es war? Es würde mich wirklich interessieren.
Also hier keine weiteren Informationen zum Autor oder zur Autorin, ich werde ihn / sie fortan X nennen. Beginnen wir gleich mit der Handlung.
== Schwierige Neue ==
Die Mädchen sind in der dritten Klasse von Lindenhof, und wie immer gibt es ein paar schwierige Neue. Diesmal sind die Neulinge zumindest für die Zwillinge keine Unbekannten: Da sind zum einen ihre alten Freundinnen Mary und Fränzi und ihre alten Feindinnen Ellen, Lore und Milli. Sie haben einst das gleiche Internat, Neuburg, besucht, doch dann trennten sich ihre Wege, weil die Zwillinge (damals noch höchst widerwillig) nach Lindenhof geschickt wurden, während die anderen in das Nobel-Internat Ringmeer (was für ein meschuggener Name!) gegangen sind. Nun mußte Ringmeer seine Pforten schließen, und die alten Bekannten sehen sich in Lindenhof wieder.
Klar, daß die neuen Mädchen eingebildet und verwöhnt sind und keineswegs geneigt, sich den Sitten von Lindenhof anzupassen. Die Idee ist weiß Gott nicht neu und das klassische Thema nahezu aller Internatsgeschichten; bei der Bewertung einer solchen Geschichte stellt sich nicht die Frage nach der Originalität, sondern: Was hat der Autor aus dieser altbekannten Story gemacht? Hat er sie gut oder schlecht umgesetzt?
Sehen wir uns die Geschichte an:
== Die Schulregeln ==
Die Idee mit der Schließung von Ringmeer und der Umquartierung der Schülerinnen finde ich ziemlich originell - das hätte von Enid Blyton sein können!
Natürlich finden die Neuen Lindenhof schrecklich, und besonders die "Gleichmacherei" und der fehlende Luxus sind ihnen ein Greuel.
Man spürt hier, daß X ins Schwimmen gerät - er ist offenbar an deutsche Schulen gewöhnt und fühlt sich genötigt,
die Sitten englischer Schulen, die hier übernommen werden, zu erklären. Warum alles gleich sein muß, das erklärt Enid Blyton nie, weil Schuluniformen etc. in England eben zum Alltag gehören. Aber X liegt mit seiner Erklärung natürlich richtig:
"'Damit wird jegliche Protzerei vermieden', erklärte Bobby ernsthaft. 'Es sind ja nicht alle Schülerinnen von Haus aus gleich gestellt.'"
Schuluniformen sind ja auch in Deutschland im Gespräch, weil einige Pädagogen damit etwaigem Druck wegen fehlender Markenklamotten entgegenwirken wollen. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Der Gedanke ist sicher nicht schlecht, nur: Wer mobben will, der findet immer einen Grund. Wenn Markenklamotten ausscheiden, suchen sich die Leute eben etwas anderes, um auf jemandem herumzuhacken. An meiner Schule spielte Markenkleidung z. B. gar keine Rolle, trotzdem gab es Außenseiter, die (z. T. auf sehr subtile Art) fertiggemacht wurden.
== Mary und Fränzi ==
Eingedenk der Tatsache, daß Mary und Fränzi alte Freundinnen sind, wollen die Zwillinge sie für das Leben in Lindenhof begeistern und die anderen mit ihnen versöhnen. Das wird natürlich schwierig...
Von Mary und Fränzi merkt man nur recht wenig. Ich finde die beiden gar nicht so schlimm, denn sie stellen nichts Besonderes an. Sie sind einfach nur nicht Feuer und Flamme für Lindenhof und machen ab und zu mal eine kritische Bemerkung - etwas Dramatisches kann ich dabei nicht finden. Als die beiden sich von Jenni gekränkt fühlen, erklärt ihnen Frau Sullivan (die Mutter der Zwillinge), sie dürften Jenni nicht so ernst nehmen! So etwas liebe ich - "Nimm XY nicht ernst, denn er / sie meint es ja nicht so!" Damit macht man es Grobianen einfach viel zu leicht, denn keiner verlangt mehr Rechenschaft über ihre Gemeinheiten. Aber wenn man etwas nicht "so meint", warum
sagt man es dann so?
== Die anderen Ringmeer-Mädchen... ==
... sind schon ein anderes Kaliber. Ihnen ist es zu verdanken, daß man beim Lesen nicht einpennt, denn sie sorgen für Action. Eine "gewöhnliche" Mitternachtsparty ist ihnen zu kindisch, sie feiern eine eigene - mit Alkohol und Zigaretten, die ihnen leider nicht bekommen! Die Schilderung ist wirklich geglückt, ich habe sehr gelacht (als Kind UND als Erwachsene!). Ohne diese drei Mädchen wäre das Buch noch langweiliger, als es ohnehin schon ist - aber leider werden sie bald von der Schule verwiesen. Schade eigentlich.
== Das obligatorische Happy-End ==
Natürlich ist am Ende alles in Butter. Es zeigt sich, daß Mary und Fränzi gar nicht so übel sind, sie retten nämlich eine Ausstellung, bei der Lindenhof eine Pleite droht. Danach gehören sie dann wirklich dazu. Schön!
Ein durchschnittliches Buch, es reicht nicht an die Blyton-Werke heran - nicht an die Übersetzungen und schon gar nicht an die englischen Originale - , aber es ist akzeptabel und unter den Ghostwriter-Erzeugnissen eines der besseren. Erwähnen möchte ich auch noch die schöne Aufmachung, das Titelbild ist hübsch, die Illustrationen im Buch ebenfalls gelungen - Nikolaus Moras ist ein guter Zeichner!
Ein klarer Fall für drei Sterne.