Nachdem ich
Leben oder gelebt werden: Schritte auf dem Weg zur Versöhnung und
Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl gelesen hatte, war dieser Bildband inkl. umfangreicher Informationen ein Bindeglied, um beide Aussagen miteinander vergleichen oder Schieflagen erkennen zu können. Dieses großformatige Album (300 Seiten) ist ein besonderes Anliegen der beiden Söhne und es klingt schon im Vorwort von Peter Kohl jene innige Verbundenheit an, die Hannelore Kohl zu ihren Kindern gepflegt hat. Wenn schon der Vater nie anwesend war, hat sie die beiden Jungen umso mehr in ihre Arme genommen bzw. ihnen jene Liebe vermittelt, die Kinder benötigen. Von Helmut R. Schulze kommen die Bilder (plus weitere, ältere Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus den 30ern und 40ern aus dem Familienalbum), die Texte wurden geschrieben von Dona Kujacinski, die zusammen mit Peter Kohl dieses Buch geschrieben hat:
Hannelore KohlMan liest und betrachtet das Leben von Hannelore Kohl in diesen Abschnitten: Das Flüchtlingskind, Liebe und Partnerschaft, Die First Lady, Die Bonner Jahre in der Oppositon, Unterwegs, Ferien am Wolfgangsee, ZNS - Ihr Lebenswerk, Wiedervereinigung, Bittere Jahre. Auf Seite 7 sehen wir im ersten Kapitel ein zauberhaft schönes Bild: "Sie ist neun Jahre alt, als sie sich mit ihrem Dackel Dorli fotografieren lässt. Für die Aufnahmen in einem Leipziger Fotostudio hat sie sich extra fein gemacht. Hannelore trägt an diesem Morgen eine frisch gebügelte Spitzenbluse und ihre beste Jacke. Die langen blonden Haare hat ihre Mutter zu zwei festen Zöpfen geflochten. Es ist ein Mittwoch im Jahr 1942." Man sieht ihr die Lebensfreude an, ein offenes Lachen strahlt in die Welt, sie umarmt ihren Hund, den sie schon im nächsten Jahr im Bombenkrieg verlieren wird. Ebenso wie die schöne Wohnung der Eltern, sie wird evakuiert nach Grimma, flieht später zurück nach Mutterstadt, der Heimat ihres Vaters. Auf den Seiten 7 und 8 wird die 30er Jahre-Vergangenheit des Vaters (er glaubte bis zum Schluss an den Endsieg) nicht verschwiegen, das Schweigen von Hannelore Kohl zu diesem Thema wird ebenfalls thematisiert. Von ihrer Mutter erfährt sie die Anleitung zur Strenge, man soll keine Gefühle zeigen und nicht über private Dinge sprechen.
Auf der Seite 2 steht als Einführung zu diesem Buch, als Motto der ehemaligen Kanzlergattin: "Ich will kein gläserner Mensch sein." Wenn man dies abgleicht mit der oben beschriebenen Erziehung, wird klar, dass sie wohl die Biografie von Herrn Schwan in ihren spekulativen Elementen eher ablehnen würde. Und doch ist sie eine Person der Zeitgeschichte, von der man erfährt, dass sie 1976 lieber in Rheinland-Pfalz geblieben wäre. "Auf der Rückfahrt von der Abschiedsfeier in der Mainzer Staatskanzlei spricht sie mit ihrem Mann kaum ein Wort." Hannelore Kohl hält treu zu ihrem Mann und geht mit nach Bonn, später füllt sie 16 Jahre ein Amt aus, für das es keine Stellenbeschreibung gab, immer korrekt, liebenswürdig und charmant. Besonders beeindruckt hat mich die Aussage von Doris Schröder-Köpf: "Sie war eine im wahren Sinne des Wortes liebenswürdige Frau, aufmerksam und mitfühlend... Hannelore Kohl hat mir geradezu mütterliche Ratschläge erteilt, mich gleichsam ins Amt eingewiesen."
Alle Bilder in diesem Buch reflektieren diese Sichtweise, immer eingefasst durch ein herzliches Lächeln und eine (strenge) Frisur, die einfach zu ihr gehörte. Die Sujets sind ein Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, alle spannenden Ereignisse der 70er bis 90er Jahre wiederspiegelnd, bis hin zu ihrem traurigen Tod. Hannelore Kohl hatte in den anfänglichen Bonner Tagen nicht das dicke Fell ihres Mannes, sie litt wohl unerträglich, ebenso am Ende, als man Spenden für die CDU ihrem ZNS-Projekt unterschieben wollte. Völlig zu Unrecht und doch der Anfang vom Ende. Hier hat eine Frau mit eiserner Energie zu viel ausgehalten, zu wenig Rücksicht auf sich selbst genommen.
Es ist schön, dass ihre Söhne dieses informative, zu Herzen gehende Buch aufgelegt haben, mit Bildern, die wir so noch nicht gesehen haben, die durch die Nähe zum Fotografen Helmut R. Schulze eine besondere Echtheit bekommen. Einige sind jenen Kategorien entommen, die eine schöne, elegante, offizielle Kanzlergattin repräsentieren, aber doch gibt es jene, die eine ungeahnte, noch tiefere Seite dieser Frau zeigen. Überall fühle ich die Worte von Doris Schröder-Köpf und ahne die liebenswürdige Seite, die sich besonders auch bei den Patientenbesuchen im Rahmen der ZNS-Stiftung verdeutlichen. Hier fühlt jemand mit, der selbst wußte, was es heißt zu leiden.
Mein Lieblingsbild ist auf Seite 119 abgedruckt. Sie scherzt mit den Mitarbeitern des Fotografen anlässlich eines Fototermins, ihr von der Seite zu sehendes, herzliches Lachen hat fast jene heitere Kraft, die sie in dem oben beschriebenen Kinderbild zeigte. Es ist ein unbemerkter Schnappschuss und geballte Lebensfreude, die nur Menschen ausstrahlen, die besondere Tiefen durchschritten haben.
Ein beeindruckendes Buch über eine Frau, die Bewundernswertes geleistet, ja alle Höhen und Tiefen des Lebens höher und tiefer als andere erlebt hat.