Als Jugendbuch finde ich dieses Werk nicht unbedingt geeignet. Die meisten 15jährigen werden nicht verstehen, worum es hier geht. Sogar für mich als lebenserfahrene Frau ist manches schwer nachvollziehbar.
Für meinen Geschmack sind hier zu viele Besonderheiten und Zufälle eingearbeitet: da reißt ein schwer traumatisiertes Mädchen nach einer langen Gewalt-Odyssee von zu Hause aus, kommt in eine fremde Stadt und versucht, Kontakt mit einem Mädchenhaus aufzunehmen. Doch dummer Weise kann ausgerechnet bei ihrem Anruf niemand ans Telefon gehen. Natürlich lässt sie ihre Telefonkarte und die Nummer in der Zelle liegen. Dann findet sie sich vor einem Frauenbuchladen wieder, in dessen Schaufenster ein Plakat mit der verlorenen Telefonnummer hängt. Noch als sie es betrachtet, wird sie von einer Frau, die gerade den Laden verlässt, umgerannt. - Zum Glück für Hannah, die nun in den Laden gebracht wird und auf Janne trifft. Die hilft ihr, ins Mädchenhaus zu kommen ...
So weit - so gut. Was mir nicht gefällt, sind die vielen Nebenschauplätze, die zusätzlich auftauchen: Die Betreuerin im Mädchenhaus ist Jüdin, fremdländische Namen lassen vermuten, dass sich mehr Ausländerinnen als Deutsche um die Mädchen kümmern, auch das Leben von lesbischen Frauen wird angedeutet. Eigentlich wäre jedes Problem für sich ein eigenes Buch wert. So kommt mir dieser Roman ziemlich überfrachtet vor.
Was ich ihm zugute halten will: er ist teilweise wirklich spannend geschrieben und erklärt sehr anschaulich das Phänomen einer multiplen Persönlichkeit. Beschreibungen der Erlebnisse im Alltag des Mädchenhauses wechseln sich mit Tagebucheinträgen ab, so dass insgesamt ein rundes Bild von Hannahs Persönlichkeit entsteht. Die Gewalt, die dem Mädchen in seinem bisherigen Leben widerfahren ist, wird oft nur angedeutet, die Grausamkeiten werden nicht ausgeschlachtet, sondern die Hilfsangebote stehen im Vordergrund.
Die realen Anlaufstellen sind im Anhang zusammengefasst, so dass dieses Buch wirklich in die Hände von Mädchen (und auch Jungen) gehört, die der Gewalt ausgesetzt sind. Die können dann für sich ableiten, dass es Möglichkeiten und Hilfen zum Ausstieg aus dem bisherigen Leben gibt. Jugendliche, die in einem gesunden Umfeld aufgewachsen sind, werden mit dieser Lektüre allerdings nicht allzu viel anfangen können.