Die Freundschaft zwischen Hannah Arendt, Jahrgang 1906, und dem neun Jahre älteren Gershom Scholem entstand durch Walter Benjamin. Scholem kannte Benjamin schon seit Berliner Gymnasialtagen vor dem Ersten Weltkrieg, als sich die zionistische Jugendgruppe "Jung-Juda", der Scholem angehörte, mit Angehörigen der in denselben Kreisen wirksamen Jugendbewegung "Sprechsaal der Jugend" traf, die unter dem Einfluss des Reformpädagogen Gustav Wyneken stand und in welcher Walter Benjamin, Jahrgang 1892 und damit fünf Jahre älter als Scholem, Hauptsprecher war. Die beiden freundeten sich eng miteinander an und hatten fortan intensiven gegenseitigen Einfluss aufeinander bis zum Selbstmord Benjamins im katalonischen Portbou an der spanisch-französischen Grenze am 26. September 1940.
Arendt lernte Benjamin als Cousin ihres ersten Mannes Günther Stern kennen, den sie 1929 geheiratet hatte. Sie schätzte und bewunderte Benjamin, ohne dass es zu einer mit Scholem vergleichbaren Nähe oder Vertrautheit mit der Person oder dem Werk Benjamins kam. Sie hatte 1924 in Marburg ein Studium der Philosophie bei Martin Heidegger aufgenommen, mit dem sie auch ein Liebesverhältnis einging, war dann aber nach Freiburg zu Husserl und anschließend zu Jaspers nach Heidelberg gewechselt, wo sie 1928, 22-jährig, über den Liebesbegriff bei Augustin promovierte. Bereits 1933 vertrat sie die Auffassung, dass der Nationalsozialismus aktiv zu bekämpfen sei, folgte ihrem Mann ins französische Exil, von dem sie sich aber 1937 scheiden ließ, um den nicht-jüdischen deutschen Kommunisten Heinrich Blücher zu heiraten. In den französischen Jahren entwickelte sich auch eine Freundschaft zu Benjamin. 1941 konnte sie sich mit ihrem Mann und ihrer Mutter über Lissabon nach New York retten, wo sie nach harten Anfangsjahren einen auch international bedeutenden Ruf als eigenwillige Autorin zu Grundfragen der politischen Theorie, wie etwa des Totalitarismus, der Rechtstaatlichkeit und Gewaltenteilung etc. eher außerhalb des Wissenschaftsbetriebes gewann, obwohl sie auch Lehraufträge an den Universitäten Princeton, Chicago und New York wahrnahm.
Scholem lernte Hannah Arendt erst 1932 bei einem Besuch von Jerusalem aus in Berlin über gemeinsame Freunde kennen. Scholem, wie Arendt und Benjamin das Kind säkularer jüdischer Eltern, hatte sich schon als Jugendlicher in Abkehr von seinem deutsch assimilierten Vater für den Zionismus entschieden, war nach einem Studienbeginn in Mathematik und Philosophie zur Orientalistik gewechselt, promovierte 1922 in München mit einer Arbeit zur Sprachtheorie der Kabbala, wanderte 1923 nach Palästina aus, wo er wesentlich an der Gründung und dem Ausbau der Hebräischen Universität in Jerusalem beteiligt war, an der für ihn dann auch eine Professur für jüdische Mystik geschaffen wurde. 1931 wurde er als Gründungsmitglied des politischen Verbandes Brit Shalom (auf deutsch "Bekenntnis zum Frieden"), der sich für eine jüdisch-palästinensische Verständigung eingesetzt hatte, offiziell vom Zionistenkongress ausgeschlossen.
Der ausführlich und vorbildlich kommentierten Korrespondenz der 141 von Oktober 1939 bis Juli 1964 zwischen Scholem und Arendt ausgetauschten und nun von Marie Luise Knott herausgegebenen Briefe geht diese zum besseren Verständnis unerlässliche Vorgeschichte voraus, die in der Korrespondenz aber nicht mehr explizit vorkommt, da sie erst kurz vor Benjamins Selbstmord einsetzt.
Im Vordergrund steht zunächst die Trauer um den der Verfolgung durch die Nazis geschuldeten Tod des gemeinsamen Freundes und die Sorge um Bergung und Veröffentlichung seines umfangreichen Nachlasses. Vermutungen über dessen Verbleib und über die Nachlassrechte an ihm werden ausgetauscht, wobei Fragen zu möglichen Rechten des seit 1931 von Max Horkheimer geleiteten Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) aufgeworfen werden, das 1933 von den Nazis geschlossen worden war und allmählich seine Aktivitäten aus dem amerikanischen Exil heraus wieder aufnahm durch weitere Herausgabe der Zeitschrift für Sozialforschung, fortgeführt im Exil als Studies in Philosophy and Social Science. Walter Benjamin hatte sich nach frühem Scheitern einer universitären Laufbahn und einem dem Nationalsozialismus ausweichenden Exil in Frankreich die letzten Jahre seines Lebens weitgehend von Stipendiatsbezügen als Autor des IfS ernährt.
Da Scholem von der tiefen Verwurzelung Benjamins in jüdischer Tradition und Gläubigkeit wusste, die sich durch sein gesamtes Werk zieht, hatte er seit Jahren versucht, den Freund gleichfalls zur Übersiedlung nach Palästina zu bewegen, wo er ihm eine Position an der Hebräischen Universität hätte verschaffen können. Benjamin fühlte sich von diesem Vorschlag angezogen, gleichzeitig aber auch von den Theorien des dialektischen Materialismus, die nach dem Ersten Weltkrieg ihren Siegeszug durch sämtliche Sozialwissenschaften nahmen. Jahrelang hatte Scholem mit dem Freund über die Unvereinbarkeit beider Positionen gestritten, ihm Illusionen und Selbstbetrug vorgeworfen, ohne ihn von seiner "Janusköpfigkeit" abbringen zu können. Unter dem Einfluss des von ihm bewunderten Bert Brecht, aber wohl auch dem seiner lettischen Freundin Asja Lacis, versuchte er sein Denken von bourgeoisen Relikten zu reinigen, sich dabei aber umso intensiver an die metaphysische Ordnung der jüdischen Religion klammernd. Das führte nicht nur zu einer zunehmend unverständlich wirkenden, verschraubt-verknoteten Scholastik vieler Veröffentlichungen, zu äußerer Isolation und innerer Vereinsamung, in der ihn nur noch sein alter treuer Freund Scholem erreichen konnte, sondern auch zu Spötteleien und direkten Angriffen seitens Brecht und Horkheimer, die sich gerade über diese tiefe Gläubigkeit bei Benjamin mokant äußerten. Horkheimers Kollege Theodor Wiesengrund Adorno, der mit Horkheimer im kalifornischen Exil gemeinsam an deren gemeinsamem Hauptwerk "Dialektik der Aufklärung" arbeitete, hatte als einziger aus Horkheimers Entourage tieferes Verständnis und Sympathie für Benjamins Haltung, was Scholem in 1950 mit dazu bewogen haben mag, gemeinsam mit Adorno Benjamins Schriften herauszugeben. Seitdem verschwindet das Thema Benjamin weitgehend aus dem Briefwechsel mit Arendt (die ihrerseits grundsätzlich schlecht auf Adorno zu sprechen war, der die Habilitationsschrift ihres ersten Mannes zurückgewiesen hatte).
Arendts eigene Verwurzelung im Judentum war auch nicht frei von inneren Spannungen wie ihre bereits 1931 in Berlin begonnene und 1938 in Paris vollendete Studie über Rahel Varnhagen zeigt, der exemplarischen Geschichte des notwendigen Scheiterns von jüdischen Assimilationsanstrengungen in einem antisemitischen Umfeld. Scholem mochte zu dieser Studie wegen des in seinem Urteil vielleicht überholten, sozusagen nicht mehr der Mühe werten Gegenstandes die Augenbrauen hochgezogen haben. Zu einer ersten wirklichen Belastung seiner Freundschaft mit Arendt geriet aber erst ihre Kritik "Zionism reconsidered" zu dem 1944 in Atlantic City stattgehabten Zionistenkongress, zu der Scholem ihr im Januar 1946 schrieb, er sei "ungewöhnlich tief enttäuscht und...zum Teil auch erbittert". Seine eigenen Vorbehalte gegenüber dem Zionismus aus der Brit Shalom Phase fünfzehn Jahre früher hatte Sholem unter der Erfahrung des inzwischen stattgehabten millionenfachen Judenmordes und der zynischen Intransingenz sowohl der Araber wie des englischen Protektoratsregimes in Palästina in Bezug auf gleich welche humanitäre Lösung der jüdischen Flüchtlingsnot revidiert. Unter den in Jerusalem damals herrschenden Umständen existentieller Bedrohung und alltäglicher Überlebensangst bekannte er sich nunmehr zu einem jüdischen Nationalstaat, was umgekehrt Hannah Arendt entsetzte. Aber sie schließt ihren Antwortbrief an den "lieben Freund" mit der Aufforderung, "es in diesem Falle so zu halten, wie ich; nämlich dass einem Menschen mehr wert sind als ihre Meinungen, aus dem einfachen Grunde weil Menschen de facto mehr wert sind als was sie denken oder tun".
Damit verweigerte sich Arendt gleichwohl einer jüdischen Parteilichkeit in letzten Fragen, die ihr nicht nur von Scholem vorgeworfen wird. Tiefste auch menschliche Solidarität war für Scholem nur denkbar nicht auf Basis abstrakt-theoretischer Humanitätserwägungen, sondern nur auf dem Fundament der gemeinsamen jüdischen Tradition.
Der nicht-jüdische Leser wird sich zurückhalten in der Bewertung dieser beiden Grundhaltungen. Wenn der noch heute ungelöste Palästinakonflikt eine der gefährlichsten Bedrohungen des Weltfriedens darstellt, wird man dies trotzdem mit Arendt, letztlich allerdings auch mit Scholem, als den Preis für die frühe Fehlentscheidung der Zionisten für einen jüdischen Nationalstaat bezeichnen dürfen.
Arendts "abstrakt-rationalistischer Humanismus" ohne Rekurs auf spezifisch jüdische Fundierungen hat es ihr auch ermöglicht, sich nach dem Krieg wieder mit Martin Heidegger und Benno von Wiese zu versöhnen, die 1933 der NSDAP beigetreten waren, was auf jüdischer Seite wiederum nur Irritationen auslösen konnte.
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