Normalerweise veraltet ein Buch über neue Internet-Geschäftsmodelle schnell. In dem halben Jahr Vorlaufzeit, die Bücher zur Zeit noch haben, hat ein findiger Geschäftsmann die Idee meist schon verwirklicht, und dem Leser entlocken die vermeintlich innovativen Konzepte im Buch nur noch ein müdes Nicken. Anders beim Werk von Daniel Amor, Chief Technologist bei Hewlett-Packard. In den USA hat es sich blendend verkauft, jetzt liegt es in der deutschen Fassung vor. Sein Thema: "Pervasive Computing" - auch "Ubiquitous Computing" genannt. Schon bald, so der Autor, könnten alle Gegenstände in unserer Umgebung über das Internet miteinander in Verbindung stehen und uns umsorgen. Und zwar ohne dass wir es merken.
Soweit die Vision. In der Realität ist noch nicht viel von diesem Trend zu spüren. "Beim Pervasive Computing ist der Hype noch nicht ausgebrochen, sondern es befindet sich noch in der Entwicklungs- und Entdeckungsphase", schreibt Amor. Er macht sich auf, diese neue Technik-Welt, die auf uns zukommen könnte, zu strukturieren und zu erklären, damit seine Leser die Technologie und ihre Anwendungen verstehen. Was ihm mit seinem Mix aus Überblicksinformationen, technischen Infos und der kritischen Analyse möglicher Geschäftsmodelle gut gelingt. Seine Zielgruppe: diejenigen, die bei den vielen neuen Dienstleistungen ganz vorne mit dabei sein wollen. Denn Pervasive Computing macht, das versteht sich von selbst, eine ganze Reihe von neuen Geschäftsmodellen möglich. Gerade die, die sich bislang im M-Commerce tummeln, sitzen schon in den Startlöchern. Fragt sich nur, ob es wirklich dazu kommen wird, dass unsere Alltagsgegenstände wirklich zum Leben erwachen. Bisher haben die Kunden internetfähigen Kühlschränken -Prototyp des "intelligenten" Gegenstands - die kalte Schulter gezeigt. Doch falls es dazu kommt, wissen Amors Leser zumindest genau, mit welcher Idee sie wahrscheinlich auf die Nase fallen werden und welche Potenzial hat.
Kernstück des Buches sind die Fallgeschichten, die sich Amor ausgedacht hat, um Grenzen und Chancen der neuen Anwendungen zu veranschaulichen. Vom Hochzeitstag-Komplettpaket über den After-Party-Service, vom Fuhrpark- bis zum Baustellenmanagement. Nehmen wir an, Ihnen werden im Urlaub Brieftasche und Mobiltelefon gestohlen. Wäre doch praktisch, wenn Sie das gleich per Internet melden könnten - in Ihrer eigenen Sprache. Per Kreditkartenüberwachung und Handy-Ortung kommt die Polizei dem Dieb innerhalb von kürzester Zeit auf die Spur; je mehr Zeugen diese befragen, desto genauer wird das Phantombild auf ihrem Monitor. Innerhalb von Minuten haben Sie Ihr Eigentum zurück. Bislang noch nicht machbar. Keine der Techniken, die man dafür bräuchte, gibt es schon, und mit dem Austausch von Informationen zwischen den verschiedenen Diensten wie Polizei, Kreditkartengesellschaft und der Telekommunikationsgesellschaft hapert es erst recht. Die Lösung von morgen wäre also eine Integration der Systeme. Ein zentraler Service koordiniert die vielen Organisationen und Dienstleister und tauscht mit ihnen Echtzeit-Informationen aus. Sie brauchen dann nur noch auf der Website "Mein Anti-Diebstahl-Service" Anzeige erstatten. Doch Amor weiß auch: "Diebe werden von dem System lernen und Wege finden, es zu umgehen."
Trotz kleinerer Ungereimtheiten bei den Szenarios sind die Beispiele informativ. Denn obwohl es sich beim Thema Pervasive Computing anbieten würde, schwelgt Amor nicht in Machbarkeitsphantasien. Er ist zwar Visionär aber auch Praktiker. Als Visionär entwickelt er kühne Ideen für zukünftige Anwendungen, die uns das Leben ein stückweit leichter machen würden. Als Praktiker klopft er die einzelnen Szenarien mit erfrischendem Realismus auf ihre Tauglichkeit ab. Amor bedenkt auch Alltagshindernisse, simple menschliche Trägheit und Bedürfnisse, die andere selbsternannte Internet-Propheten in ihren Technik-Schwärmereien gerne ignorieren. Doch er belässt es nicht dabei, zu sezieren. Er denkt weiter, entwickelt Pläne: Wie könnte man ein solches Modell zum Erfolg führen, welche technischen Rahmenbedingungen müssten gegeben sein, welchen Service müsste man bieten? In Skizzen erläutert er, was er meint, und XML-Programmier-Beispiele gibt es gleich dazu.
Ungewöhnlich für ein solches Buch: der nachdenkliche letzte Teil, in dem sich Amor Gedanken über die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser neuen Technik macht. Pervasive Computing verstärkt die bereits existierenden Trends hin zu Automatisierung und Mobilität. Aber brauchen wir all diese neuen Services überhaupt? "Der Drang, für alles eine technische, aber gleichzeitig billige Lösung zu finden, hat uns schon eine Menge Probleme bereitet", bemerkt Amor säuerlich. Die Griechen verzichten bis heute auf Klimaanlagen. Sie brauchen sie nicht. Denn sie wissen seit Jahrhunderten, wie man Häuser so baut, dass es im Inneren angenehm temperiert ist.
Nicht geheuer ist ihm auch, dass in manchen Ländern die Gesellschaft von der Technologie beherrscht wird und nicht umgekehrt. Wo soll das erst enden, wenn Pervasive Computing irgendwann mal cool und nach und nach alltäglich wird? Werden die Datenspuren, die wir mit jedem Schritt erzeugen, gierig von der Werbe- und Marketingindustrie eingesaugt? Wahrscheinlich. Aber ob das die nächste Generation überhaupt stören wird, ist noch längst nicht sicher. Amor: "Es ist durchaus vorstellbar, dass unsere Kinder in dem Bewusstsein aufwachsen, dass so gut wie keine Privatsphäre mehr existiert, und dass sie auch den letzten Rest noch für Serviceleistungen aufgeben."
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