Zunächst: was es bedeutet, Geschichten "in alter Manier" zu erzählen, hat sich mir nicht eröffnet. Ich hoffe nicht, dass sich der Titelzusatz auf den Inhalt der Geschichten bezieht. Denn denen fehlt gelegentlich, wie Schulzes Leipziger Kollege Clemens Meyer sagen würde, die Relevanz. Man liest sich durch belanglose Streitereien, und manche Geschichten kommen gänzlich ohne Spannungsbogen und Handlung aus ("Mr. Neitherkorn und das Schicksal"), und es scheint, hier werde um des Schreibens Willen geschrieben oder weil irgendjemand einen Abgabetermin einforderte. Andere wieder wie "Glaube, Liebe, Hoffnung Nummer 23" überraschen mit einer unerwarteten Pointe oder packen den Leser durch ihre Eindringlichkeit wie in "Calcutta". Dabei zeigt Schulze in allen Geschichten, wie genau er beobachten kann: jedes noch so kleine Detail findet Beachtung und zeigt, wie banal das Leben manchmal sein kann, wie belanglos die Gespräche, die man führt. Und an Kommunikation, auch an solcher, die man aneinander vorbei führt, mangelt es in keiner Geschichten; vielleicht trägt das Buch deshalb ausgerechnet den Namen eines modernen Kommunikationsgerätes, mit dem man trotzdem "in alter Manier" mit dem Unwesentlichen um das Wesentliche herumkommunizieren kann ("Handy" ist gleichzeitig der Titel der spröde erzählten Eröffnungs-Geschichte). Und: Schulze hat wieder sich selbst zum Thema gemacht. Wie schon "Neue Leben" einige Parallelen zu seinem Leben hatte, geht es auch hier um Lesereisen nach Estland oder Ägypten, einen Arbeitsaufenthalt in den USA usw. Und wieder schwebt da der Verdacht, dass Schulze die Themen ausgehen, dass er des Schreibens müde werde. Was bei "Neue Leben" noch dank seiner Komplexität zu großer Literatur gerät, wird hier gelegentlich langweilig.
Ich bin ein erklärter Freund der kurzen Form, aber ich muss konstatieren: ich habe in letzter Zeit Kurzgeschichten-Sammlungen von Clemens Meyer, Franziska Gerstenberg und Fridolin Schley gelesen, die mich allesamt deutlich mehr beeindruckt haben.