Wenn man meint, dass Deutschland professioneller werden muss, dann könnte man meinen, jede aktuelle Debatte gilt den Themen außerhalb des Landes. Denn dieses Vorzeige-Objekt Deutschland wird übertragen auf die Europäischen Staaten und doch gibt es einen Themenkanon beliebiger Art, der nun den Bürger zum Profi-Bürger machen soll und manch andere Seitenproblematik behebt zum Professionellen. Profis überall, Profis über allem. Die Kurzfassung: der Diplom-Bürger begreift, dass Wissen allein nichts ist, wenn es nichts verantwortet im Ganzen des Gemeinwesens. Die schönste aller Formulierungen zu dieser Art der Zukunftsgestaltung scheint immer noch das antike Wort der so gescholtenen griechischen Nation zu sein: Polis. Betrachtet man den Diplom-Bürger in all seinen Schattierungen, dann gilt er als Primus im Gesundheitswesen als Diplom-Patient, als Einkäufer und Diplom-Konsument etc. Letztendlich landet man beim Begriff des Bildungsbürgers und bei der Frage, wie dieser Begriff mit Inhalt versehen auch fruchtbar gemacht werden kann.
Wenn Wissen Macht ist, wie Francis Bacon behauptet, dann müsste angewendetes Wissen zugleich Stoff sein für eine künftige Bildung. Doch was wird mit dieser Bildung bewegt? Ist es die alte humanistische Sichtweise oder sind wir bereits auf dem Weg des Halbwissens, welches Adorno der ursprünglichen Bildung als nachrangig einstufte, weil in der ursprünglichen interdisziplinären wie interdependenten Notwendigkeit Wissen verkümmert zum Wissen im Detail ohne Zusammenhang. Aber eben in (H)APPchen verfügbar und dafür schnell (wiki).
Diese Schriftenreihe aus Karlruhe nimmt sich nun mit dem Wissen, der Kenntnis und der Eloquenz gebildeter Damen und Herren einen Parcours der Extraklasse an, um aus den Disziplinen unterschiedlicher Art die Idee einer neuen Bildung zum Profi anzupreisen, weil die alte Bildung nicht mehr reicht. Sie reicht deswegen nicht, weil die unterschwelligen Forderungen nach jeder Ausbildung zu einer neuen Herausforderung in der Gesellschaft führen und den König Kunde - ein Beispiel - zum Bastler einer organisierten Mitwirkung macht, um den Unternehmen selbst durch outgesourceten Spaß und Verantwortung Gewinnmaximierung zu versprechen.
In Summe wird in diesen kurzweiligen Essays in einer einzigartigen Persiflage deutlich, dass jeder Mensch bei richtig angewendeter Tragik zugunsten der Wertmaximierung Dritter einen eigenen Stolz entwickeln muss, dabei gewesen zu sein. Diese Berufung zum Bürger entwertet im Prinzip alle Stadien des Nicht-dazugehörens und führt in eine Möglichkeit der Selbstwürdigung. Diese Selbstwürdigung tritt sicher dann ein, wenn man als Konsument den Lernerfolg verbuchen kann, den gesellschaftlichen Wert von Waren zu erkennen und entsprechend zu kaufen. Die private Neigung weicht einer gesellschaftlichen Doktrin, die sich im Kaufverhalten zeigt und sich in Selbstwürdigung spiegelt.
In der Gesellschaft der Waren verfährt man wie in der Gesellschaft der Menschen. Einem möglichen Unwissen über die Ware gibt man eine öffentliche und doch private Wahrheit mit einem Schuss von Werbung und Aufmerksamkeit in welchem Sinn auch immer und so wird diese Ware die Regale füllen oder leeren. Aufmerksamkeit oder ein branding, wie es mit Waren und deren hoch gepuschten Verkäufen gelebt wird, kann auch in Foren und sonstigen öffentlichen Räumen des Internets genutzt werden. Nur wird hier mit Menschen gehandelt, die eine spezielle Verantwortung verdient haben. Nur wird diese gelebt und nicht gelebt. Damit pendelt jede Struktur zwischen Loyalität oder Negation, in beiden Fällen jedoch mit dem Zwang, Gemeinschaften auch gegensätzlicher Couleur jeweils zu unterstützen.
Dass diese Professionalisierung im negativen Sinne zugleich ein Dieb der Freiheit jeden Einzelnen ist, wird deutlich. Dieser Verlust der Freiheit erfordert eine neue Art von Reflexion, die in Folge zu einer neuen Begründung von sozialer Bindung, ja vielleicht in Erwägung aller zuträglichen Gründe eine neue soziale Synthesis ermöglicht. Einem Goethe-Wort über den Weltbürger folgend, versteht sich diese Schrift, eine Architektur einer neuen Zivilisation zu entwickeln.
Wenn nun so manche Gedanken durch den Äther oder über diese Amazon-Seiten fließen, dann wissen wir, dass surfen bedeutet, an der Oberfläche zu bleiben. Der Durchstoß vom Äußeren ins Inneren ist somit unterbunden zu Gunsten einer Oberfläche, die zugleich Quelle aller Irrtümer wie auch in manchen Dingen einer gänzlichen Unwissenheit ist.
Sapere aude, um einem alten Horaz Wort zu folgen, gilt also nach wie vor.
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