Dass Unterricht heute zu einem nicht unerheblichen Teil die kognitiven Sinne der Schülerinnen und Schüler bedient, ist - besonders für das Gymnasium - eine kaum zu leugnendes Faktum. Gudjons versucht nun mit dem vieldiskutierten Ansatz des handlungsorientierten Unterrichts eine Theoretische Begründung des in den letzten 30 Jahren insbesondere an der Basis entwickelten - nicht zwingen theoretischen - Konzepts.
Handlungsorientiert lernen meint im Wesentlichen, das die Schülerinnen und Schüler mit mehreren oder allen Sinnen eine umfassende und aktive Aneignung eines Lerngegenstandes erreichen. Hinter diesem Ansatz verbirgt sich mehr als nur ein Mehr an Aktivität und Spaß im Unterricht. Es geht um die bedrohliche Erfahrung der Reduktion kultureller Aneignungsformen in unserer Gesellschaft, auf die der handlungsorientierte Unterricht eine schulpädagogische Antwort zu finden sucht. Kern des Problems ist, dass Schülerinnen und Schüler zunehmend Erfahrungen aus "zweiter Hand" (Medien aller Art) machen, nicht aber eigenständig, aus "erster Hand". Handlungsorientierter Unterricht ist daher nach Gudjons immer auch Sinnstiftung - also die Entfaltung menschlicher Kräfte, für die - mit den Worten Pestalozzis - "Kopf, Herz und Hand" notwendige Voraussetzung sind. Gudjons erläutert in einem ersten Abschnitt des Buches Ansätze, denen ähnliche Prinzipien zugrunde liegen.
Als theoretische Fundierung seines Konzepts fügt der Autor in einem eigens dafür vorgesehenen Kapitel Erkenntnisse´der materialistischen Aneignungstheorie,, der Handlungsregulationstheorie , der Handlungstheorie und der Lern- und Motivationspsychologie an. Besonders die Argumente letzterer für einen handlungsorientierten Unterricht können aufgrund empirischer Basis überzeugen. Auch auf pädagogischer Basis spricht einiges für diesen Ansatz.
In den folgenden Kapitel beschäftigt sich Gudjons mit der praktischen Umsetztung des handlungsorientierten Unterrichts. Dabei unterscheidet er eine Umsetzung in das globaler angelegte Konzept des Projektunterrichts und der Umsetzung im "herkömmlichen" fächerbezogenen Unterricht. Dabei kommen immer wieder zahlreiche Beispiele aus der Unterrichtspraxis zur Sprache; ebenso wie Stärken und Schwächen bei der Umsetzung des Konzepts in den konkreten Schulalltag. Dass handlungsorientierter Unterricht keine Absage an traditionelle Lerformen wie den Frontalunterricht bedeutet, ist dringendes Anliegen des Autoren; auch in einigen seiner anderen Werke. Frontalunterricht wird von der "Unterrichtsform mit Allzweckcharakter" zur "Unterrichtsphase" mit grundlegend funktionaler Bedeutung für den gesamten Unterrichtsprozess.
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konzept ist Kennzeichen des Werks. Eine umfassende Umsetzung aufgrund "instituioneller Widerstände" nicht ohne Weiteres möglich. Daher ist auch eine Schaffung dazugehöriger schulorganisatorischer Bedingungen (Zusammenfassung der Stunden verwandter Fächer, Zusammenarbeit von Fachgruppen, ein ausgewogenes Überdenken der herkömmlichen Zensurengebung,...) für die Umsetzung des Konzepts die Konsequenz - was auf einige Widerstände in allen Reihen an der Schule Beteiligter stoßen dürfte. Deshalb Gudjons mahnend fest: " Der handlungsorientierte Unterricht lebt davon, wie gut er langfristig vorbereitet wurde, wie geduldig in kleinen Schritten Kompetenzen aufgebaut wurden, von der einfachen Fähigkeit, sich selbst und anderen Fragen stellen zu können über Kooperation, Selbstverantwortung und Initiative bis hin zur >>mehrperspektivischen Handlungskompetenz<<." Denn: "Wer gutgemeinend sofort auf die volle Handlungsstufe schaltet, wird in der regel statt handlungsorientierten Unterrichts das Chaos produzieren."