Mit dem vorliegenden Buch liefert der Philosoph ein weiteres Konvolut des freien Denkens ab. Der Mensch hat vor gut 200 Jahren seine Pflanzen- und Tierwelt wissenschaftlich zu ordnen begonnen. Bezüglich der Arten seines eigenen menschlichen Handelns aber hat es die philosophische Handlungstheorie noch keineswegs zu einer ernstzunehmenden Systematik gebracht, wie es die Chemie mit ihrem Periodensystem tat. Heinrichs geht an diese Handlungssystematik heran, indem er Handlung als Prozess der praktischen Reflexion, als Selbstbezug-im-Fremdbezug, sowie als gewollte Veränderung von Weltteilen erfaßt. Nach den Arten des zu Verändernden gewinnt er die obersten vier Handlungsgattungen. Das 'fraktale" Verfahren führt in einer phänomenologischen Rekonstruktion unseres alltäglichen Handelns zu 256 Handlungsklassen, die Heinrichs aus der Unterscheidung von objektiven, subjektiven, sozialen und Ausdrucks-Handlungen destilliert.
Was der Leser hier also vor die Augen bekommt, mag anfänglich schwer zu lesen sein und weist wohl auf die Notwendigkeit hin, vielleicht eine kürzere Fassung in verständlicherer Sprache zu veröffentlichen. Dennoch: Auch wenn diese Schrift anfangs noch etwas fachphilosophisch anmutet, so gelingt die überraschende Rekonstruktion unserer Handlungswelt fortschreitend in geradezu amüsanter Weise. Es handelt sich um ein ebenso anspruchsvolles wie bescheidenes Unterfangen, bei dem der Autor so manches sakrosankte Postulat des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebes inklusive seines Vertreters in Frage stellt. Der angefügte offene Brief an Jürgen Habermas bietet ein beeindruckendes Beispiel dafür. Der Leser wird Zeuge einer philosophiegeschichtlichen Wende. Gleichzeitig meint man, die Größen des deutschen Denkens, Hegel und Fichte, zu vernehmen, die gleichsam den nicht drohenden sondern mahnenden Zeigefinger erheben: 'Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein. Indem die wahre Gestalt der Wahrheit in diese Wissenschaftlichkeit gesetzt wird, so weiß ich, dass dies im Widerspruch mit einer Vorstellung und deren Folgen zu stehen scheint, welche eine so große Anmaßung als Ausbreitung in der Überzeugung des Zeitalters hat."
Heinrichs entfacht mit diesem Buch eine wegweisende Debatte mit Jürgen Habermas. Und fürwahr - Habermas' inzwischen völlig unkritisch reproduzierte und nicht mehr der gegenwärtigen sozialen und politischen Situation gemäße SPD-Philosophie hat tatsächlich dahingehend versagt, daß sie die Leistung der großen europäischen Philosophie und insbesondere diejenige des Deutschen Idealismus als neuerliche Form einer 'konkreten Selbstbehauptung in der Situation' (Bernard Willms) nicht konstruktiv weiterentwickelte, sondern sich das modische angelsächsische Mäntelchen umhängte. Bei Heinrichs klingt das dann so: 'Was wir im öffentlichen Bereich brauchen ist keine Diskursethik, (...), sondern vielmehr: institutionelle Vorkehrungen, die der gesellschaftlichen Kommunikation, der Demokratie als einer kommunikativen Gesellschaft, Chancen bieten.' (473)
Eines indes steht am Ende fest: Jetzt ist nicht nur Habermas neu herausgefordert, sich mit dieser neuen Systemtheorie auseinanderzusetzen. Auch die Philosophie als solche hätte nunmehr neue Gesetzmäßigkeiten und wäre auf dem Weg nach der Frage: 'Was ist der Mensch?' und 'Nach welchen Gesetzen handelt er?' ein gewaltiges Stück vorangekommen.