Brauchen wir wirklich noch ein weiteres Händel-Recital angesichts der Flut von Aufnahmen in den letzten paar Jahren? In Bezug auf die vorliegende Produktion gibt es nur eine Antwort: ja!
Spätestens seit ihrer fulminanten Cenerentola (auf Naxos) hat sich Joyce DiDonato einen Spitzenplatz im Mezzo-Olymp erobert. Meine Erwartungen an das Album waren also dementsprechend hoch und wurden nicht enttäuscht. DiDonato zeigt ihre Vorzüge hier auf eindrucksvolle Weise: Zunächst verfügt sie über eine wunderschöne, volle Stimme, die wirklich berührt, und die zudem aus "einem Guss" ist und keine Brüche in den hohen Lagen aufweist. Zudem singt sie technisch brilliant: Sie verfügt über eine fantastische Agilität im Passagenwerk, die Koloraturen sind nicht aspiriert und Atemprobleme treten auch in den schwersten Läufen nicht zutage. Zudem verfügt sie über wunderschöne Triller und effektvolle Brusttöne. Der Hörer kann sich deshalb auch auf die ein oder andere Überraschung in den da-capo-Teilen und Kadenzen freuen.
Hinzu kommt eine sehr emotionale und intelligente Interpretation: Wie glaubhaft DiDonato die Affekte Händels darstellt, kann exeplarisch an den Medea-Arien aus Teseo deutlich gemacht werden: Zunächst wird in "Dolce riposo" die Traurigkeit und Verzweiflung durch wunderbaren Legato-Gesang deutlich, die Medea beim Gedanken an die entbrannte Liebe zu Theseus empfindet. Als sie merkt, dass Theseus ihre Gefühle nicht erwidert, entlädt sie hasserfüllt ihren Zorn in "Ira, sdegni, e furore". Und DiDonato wird wirklich zur Furie: Sie schreit ihre Verzweiflung geradezu heraus, die Koloraturen wirken bedrohlich in ihrer atemberaubenden Schnelligkeit, sind aber trotzdem stets perfekt gesungen.
Ein weiterer Pluspunkt der Aufnahme ist Christoph Roussets mit seinen "Les Talens Lyriques": Die Tempi sind zwar durchweg sehr zügig gewählt, aber die Sängerin wird nie gehetzt. Außerdem begleitet das Orchester die Primadonna als Partner und versucht nicht, sie übertrumpfen zu wollen.
Minimaler Kritikpunkt: Auch wenn ich die Idee gut finde, programmatisch nur "Wahnsinnsarien" aufzunehmen, so wäre doch eine "Freudenarie" zur Abwechslung ganz nett gewesen.
Fazit: Eine fantastische CD, die m.E. alle anderen Händel-Recitals der letzten Zeit (vor allem die von Kasarova, de Niese und Kozena) übertrifft und einen Spitzenplatz in der gesamten Händel-Diskographie einnimmt. Daher: absolute Kaufempfehlung!!