Von dem Recital "Arien für Montagnana", Mitte der 90er Jahre gestaltet von David Thomas (Dirigent N. McGegan), blieb mir vor allem die Arie "Nasce al bosco" aus Ezio in Erinnerung. Lange Zeit hieß es, Robert King habe "Ezio" für Hyperion aufgenommen; erschienen ist dies Aufnahme aber nie. Zwei frühere Veröffentlichungen der Oper konnten wegen Kürzungen, aber auch spieltechnisch-stilistisch nicht vollständig überzeugen.
Umso größer ist die Freude über diese Erscheinung. In seiner Monographie über Händels Opern sieht Winton Dean "Ezio" als einen der ambitionierten Versuche Händels an, dessen Scheitern besonders bedauerlich erscheint. Man wird allerdings eingestehen müssen, dass das Werk musikalisch viel unausgeglichener ist als etwa Orlando oder Alcina. Gerade der erste Akt wirkt dafür musikalisch zu uninspiriert. Möglicherweise waren die Stücke schon vor der Fertigstellung des Librettos komponiert oder Händel hatte für die Handlung bis zu diesem Punkt kein Feuer gefangen. Dies ändert sich jedoch schlagartig im zweiten Akt, der bezeichnenderweise mit einem Accompagnato-Rezitativ beginnt. Dieses erreicht nicht die Qualität vergleichbarer Stücke aus Giulio Cesare oder Orlande, zeigt aber sofort das Händel sich dem Text mit einem ganz anderen musikalischen Anspruch nähert. Von nun, vor allem aber ab der Mitte des zweiten Aktes werden die musikalischen Ideen abwechslungsreicher, gerade und ungerade Taktzahlen wechseln und auch die reichere instrumentale Besetzung setzt deutliche dramatische Schwerpunkte. Es ist fast so, als würde Händel musikalische Flügel ausbreiten, die immer stärker schlagen und den Hörer regelrecht mitreißen. Bis zum Ende lässt die Kette hervorragender Arien trotz zweier ritardierender Nummern nicht mehr ab. Besonders fallen dabei die beiden Bassarien für Montagnana (vorliegend CD 2 Track 11 und CD 3 Track 15, noch weniger inspirierend CD 1, Track 13 auf). Der damals noch jugendliche Bass mit der offensichtlich durchdringenden Stimme war wohl auch der eigentliche Star von Händels Aufführung. Dies ist noch heute an der aufwendigen Instrumentierung (konzertierendes Horn bzw. Trompete) nachzuvollziehen.
Nun zur Aufnahme: Wie bei den vorangegangenen Veröffentlichungen nähert sich Curtis dem Werk eher bedächtig: Es fehlt die bedingungslose Emotionalität eines Minkowskis oder die heitere, menschlich tiefgründige Sicht von Hogwood. Bei Curtis bleibt leider trotz makellosem Orchesterspiel immer eine gewisse Reserve, was dem vorliegenden Werk einen leicht musealen Charakter gibt. Ann Hallenberg setzt sich mit der Auftrittsarie (CD 1 Track 6) zunächst leider auch kein Denkmal (die Koloraturen im Dacapo-Teil wirken verkrampft und bei den Läufen sitzen nicht alle Töne). Sie steigert sich im Laufe der Aufnahme jedoch. Die Stimme von Vito Priante dem Bass (der heimliche Star in Ezio) hat ein schöneres Timbre als die von David Thomas, ist aber weniger fokussiert und kann daher die tiefen Töne nicht so überzeugend attakieren. Deshalb geht etwas vom Charme der beiden großen Bassarien verloren, obwohl diese auch in der vorliegenden Aufnahme hörenswert bleiben. Überzeugt hat mich vor allem Karina Gauvin als Fulvia, die mit ihrer schön timbrierten Stimme sehr ausdrucksstarke Höhepunkte setzt.
Fazit: Als langjähriger Händel-Fan bin ich froh, nun auch einen ordentlichen Ezio zu besitzen: CD 2 und 3 werden noch oft bei mir aufliegen.