Bücher für die Laufplanung gibt es viele - vom Einsteigerprogramm mit Gehpausen bis zum erfolgreich absolvierten Marathon. Für die Distanzen über den Marathon hinaus jedoch sieht es recht mau aus, und Wolfgang Olbrich gelingt es, mit einem längst überfälligen Werk, diese Lücke zu schließen.
Der Autor ist "vom Fach", selber ein Ultraläufer und Trainer, und seine Erfahrung fließt leicht verständlich in dieses Buch mit ein. Unterstützt wird er dabei von kompetenten Autoren zum Thema Ernährung und Gesundheit. Da die Zeitschrift "Runner's World" ebenfalls als Partner fungiert, füllen teilweise leider die aus der Zeitschrift bekannten und hier völlig deplatzierten Modellaufnahmen die Seiten. Aber damit kann man Leben.
Das Buch beginnt mit einer kurzen Geschichte des Ultramarathons und der wichtigen Verbände. Darüber hinaus werden einige namhaften Veranstaltungen (z. B. die 100 km von Biel oder der Comrades-Lauf in Südafrika) vorgestellt. Zwischendrin lockern Kurzportraits erfolgreicher und vor allem sympathischer Ultraläufer/innen das Buch auf.
Kernpunkt des Buches ist natürlich das Training. Dieses Buch richtet sich in erster Linie an erfahrene Läufer, so dass Erläuterungen zu den einzelnen Trainingsbereichen naturgemäß nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt werden (können). Aber schließlich handelt es sich hierbei auch nicht um ein "von Null auf 100" Buch, man darf ruhig Marathonerfahrung oder zumindest Erfahrung mit der Umsetzung eines Trainingsplanes voraussetzen. Allerdings machen die sehr gut bebilderten Abschnitte über Rumpfstabilisation oder Lauf-ABC das Buch durchaus auch für Läufer/innen interessant, die mit Ultralauf eigentlich nichts am Hut haben bzw. erst am Anfang ihres Läuferlebens stehen.
Für die meisten werden wahrscheinlich die Trainingspläne von interesse sein. Hier findet man diverse Pläne für 50 km Strecken (von ankommen bis zu bestimmten Finisherzeiten), unterschiedliche 100 km Pläne sowie je ein Musterplan für 24 Stunden- und Etappen-/Mehrtageslauf. Olbrichs Pläne sind dabei in der Praxis erprobt, viele Läufer haben auf sie schon im Internet zurückgegriffen, und man kann ihm hier sein Vertrauen schenken. Ausdrücklich richtet Olbrich zudem seine Trainingspläne an Neulinge und der läuferischen "Mittelklasse". Für ambitionierte Läufer, speziell beim 24-Stundenlauf, so der Autor, ist eine individuelle Trainingsplanung und -beratung unabdingbar, was in meinen Augen zusätzlich für seine Kompetenz und Seriosität spricht.
Für meinen Geschmack kommen lediglich der 6- und 12-Stundenlauf in diesem Buch zu kurz. Vor allem beim 6-Stundenlauf bin ich etwas überrascht, ist er doch sogar noch eher als der 50-km-Lauf geeignet, dem Einsteiger die Angst vor der Ultradistanz zu nehmen: man ist nicht nur stets im Läuferfeld, man trifft auch die Topläufer mehrmals auf der Strecke; nicht nur Ausstieg, sondern auch nur ein Verschnaufpäuschen sind möglich; der "Zielschluß" bildet kein Schreckgespenst mehr; vom fehlenden Besenwagen ganz zu schweigen. Hier hätte meiner Meinung nach Olbrich die Chance gehabt, mehr Werbung für sein Steckenpferd Ultralauf machen und interessierten Neulingen eine positive Entscheidungshilfe bieten können.
Unsinnig empfand ich im Buch die persönlichen Laufberichte zu diversen Laufveranstaltungen, meist auf einer Doppelseite, die das Buch unnötig aufblähen. Als Internetblog lese ich gerne Wettkampfberichte, in einem Laufbuch brauche ich sowas allerdings nicht.
Alles in allem aber ein Top-Titel, der ein eindeutiges MUSS im Bücherschrank darstellt und den ich ohne schlechtes Gewissen empfehlen kann.