Der erste Eindruck, wenn man das gewichtige Werk in Händen hält: Viel Buch für relativ wenig Geld. Ein Eindruck, der sich auch beim vertiefenden Lesen bestätigt. Zunächst also das Lob: Es ist den Autoren an vielen Stellen gelungen, komplexe Themen auf - zumindest studierten Lesern - verständliche Formulierungen herunterzubrechen, ohne zu starke Vereinfachungen zu machen. Dass viele Artikel nur einen Einstieg bieten können zeigt bei dem Umfang des Buches, wie breit und komplex dieses Themengebiet angelegt ist. Der Einstieg durch das Buch ermöglicht in beispielhafter Weise, die grundlegende Ansätze und Ideen soweit zu verstehen, dass man entscheiden kann, an welchen Stellen man das Interesse vertiefen möchte. Naturgemäß erreicht ein Überblick an vielen Stellen nicht die Erklärungstiefe, die vom Beschreiben zum Verstehen führt.
Auf der anderen Seite fehlen in dem Buch wichtige neuere Entwicklungen und Ansätze. Vielleicht liegt die Schwäche des Buches in dem stark akademischen Betrachtungswinkel, der bestimmte Methoden ausschließt, die sich dem akademischen Denken (bisher) nur schwer erschließen.
So wird psychisches Trauma insgesamt als störungswertig, als "Krankheit" dargestellt. Jedoch ist es sowohl für das Selbstverständnis der Patienten wie auch für den Behandlungsansatz des Therapeuten fundamental wichtig, Traumareaktionen zu verstehen, zu benennen und behandeln als hochspezifische, hocheffiziente biologische Antworten auf Extremsituationen, also als Potential und Ressourcen, als biologisch bewährte Überlebensmittel. Sie sind Lösungsansätze, nicht das Problem; das Problem liegt in ihrem Überdauern über die Situation hinaus. So kann die defizitäre Selbsteinschätzung von Betroffenen sich in eine "normalisierende" und ressourcenorientierte Betrachtungsweise wandeln.
Zentraler Kritikpunkt: Es fehlt die Einbindung von Methoden, die mit psychophysischer Regulation arbeiten, die also "die Sprache des Traumas" sprechen, denn Trauma findet in seiner Wurzel im Körper statt, in komplexen Aktivierungsmustern von Nervensystem, Physiologie und Verhalten. Ansätze, die mit Sensomotorischer Integration, Sensorimotorischer Psychotherapie oder psychophysiologischer Regulation arbeiten (verschiedene Namensgebungen desselben Ansatzes) sind überhaupt nicht vertreten (Pat Ogden, Peter Levine, Babette Rothschild, Robert Scaer). Wenn man sieht, dass in dem Buch auf der anderen Seite Randthemen einiger Raum gegeben wird, so muss man schon einen aktiven Ausschluss dieser Methoden im Konzept des Buches annehmen. Es hat eine Tragik, dass gerade jene Methoden, die in der Sprache des Körpers an der Wurzel traumatischer Reaktionen zur wirklichen Auflösung von Traumafolgereaktionen führen können, keine Erwähnung finden. Aus meiner Sicht liegt hier die Zukunft der Trauma-Arbeit und somit ein großes Manko des Buches.
Auch Methoden, welche die regulative Kraft des einzelnen Menschen über das Gruppenerleben und die Natur erweitern, habe ich nicht vorgefunden. Ein solcher Ansatz wird von Anngwyn St. Just ausführlich dargestellt. Ähnlich der Achtsamkeit ist es kein "neuerfundenes" Konzept und findet sich folkloristisch in den Nachkriegs-Immenhof-Filmen oder aktueller etwa in dem heißdiskutierten Alm-Projekt von Gerald Hüther für ADS-Kinder wieder.
Die neurobiologische Erforschung von "Achtsamkeit", zur Zeit zugegebenermaßen fast schon ein Modetrend, der droht als Allheilmittel überzogen zu werden, findet nicht genügend Repräsentanz. Auch wenn Achtsamkeit nicht die Bearbeitung von Trauma ersetzen kann, so macht der Aufbau verbesserter Selbstregulation und erweiterten Containments viele Verarbeitungsprozesse überhaupt erst möglich, es geht also um eine Basiskompetenz, nicht nur im Bereich der Traumatherapie.
In Zusammenhang mit ebenfalls fehlenden Ansätzen interpersonaler Regulation seien hier die Stichworte Spiegelneuronen und Sozialer Vagus (Stephen Porges) genannt, zentrale und sehr wirksame Arbeitsmittel für die therapeutische Arbeit mit Trauma. (Daniel Siegel, Peter Levine, Marianne Bentzen).
Dagegen finden sich relativ ausführliche Kapitel über Methoden, die originär keinen traumatherapeutischen Zugang und kein traumatherapeutisches Grundkonzept besitzen, sondern versucht haben, dieses Arbeitsgebiet mehr oder häufig weniger stimmig in ihre bestehenden Konzepte zu integrieren. In der Praxis überzeugen diese Versuche in der Regel nicht. Als sinnvoller erweisen sich rein traumatherapeutische Zugänge wie von Reddemann, Huber, Levine, van der Kolk, in denen deutlich wird, dass Traumafolgen eine spezifische, sich von normaler psychotherapeutischer Arbeit deutlich unterscheidende Herangehensweise benötigen, da "normale" Psychotherapie verschlimmernd wirken kann.
In dem Artikel über Geschlechterunterschiede hätte ich gern etwas gelesen über "tend-and-befriend" im Unterschied zu "fight-flight-freeze" und im Artikel über Autounfälle gab es aus meiner Sicht erhebliche Schwächen und Mängel, so wurde das wichtige Thema Beschleunigungstrauma (whiplash-syndrome, sogenanntes "Schleudertrauma") gerade mal in einem Halbsatz erwähnt. Vielleicht zeigt sich in diesem Artikel auch besonders deutlich die Gesamttendenz der immer noch weitverbreiteten künstlichen und das Verständnis begrenzenden Trennung zwischen "psychischem Trauma" und "körperlichem Trauma".
Überrepräsentiert ist dagegen die pharmakologische Schiene. Es gibt keine pharmakologische Behandlung von Trauma. Die mir bekannten Behandler, die tatsächlich therapeutisch - und nicht nur verwaltend - mit Traumapatienten arbeiten, vertreten aufgrund ihrer Erfahrungen durchgängig die Ansicht, dass Psychopharmaka nur in Krisensituationen stabilisierend und kurzfristig eingesetzt werden sollten und dass ein längerer Gebrauch, falls er nicht vermieden werden kann, das Containment und die Verarbeitungsfähigkeit des Patienten deutlich schwächt, also den Zielen der Traumatherapie entgegenwirkt, von den Nebenwirkungen einmal abgesehen.
Zusammenfassend ist dieses Buch in dem, was aufgenommen wurde, in weiten Teilen hervorragend, wird aber durch Fehlen wichtiger Entwicklungen und Themen dem Anspruch und Wunsch eines "Referenzwerkes", einen ausgewogenen und umfassenden Überblick über ein ganzes Fachgebiet zu geben, leider nicht gerecht - daher meine Bewertung mit nur vier Punkten.