José Saramago entwickelte sich nur langsam vom Verfasser von Literaturkritiken, Zeitungsartikeln und Lyrik zu dem Romanschriftsteller, der schließlich den Nobelpreis erhielt und bei seinem Tod 2010 in Portugal mit einer zweitägigen Staatstrauer geehrt wurde. Offenbar ebenso allmählich wie in Portugal selbst formierte sich seine Oppositionshaltung gegenüber dem Salazar-Regime, das 1974 zu Fall gebracht wurde. Der vorliegende Roman ist 1977 erschienen, als Saramago schon 55 Jahre alt war, vorhergegangen war sein Beitritt zur kommunistischen Partei 1969, bis dato hatte er eher unbestimmt in Oppositionskreisen verkehrt und in dem Rahmen publiziert, den die Zensur zuließ. Erwähnt sei noch, dass er bis 1970 mit einer Malerin verheiratet war (was vielleicht in diesem Buch sein Interesse für die Malerei mit erklärt) und danach mit einer portugiesischen Schriftstellerin eine Beziehung einging - all diese autobiografischen Details scheinen in modifizierter Form in den Roman eingearbeitet zu sein.
Wir lernen den Maler H. zunächst als Porträtisten der Vertreter des Establishments kennen. Er gerät in eine Schaffenskrise, weil er seine Kunst als bloße Auftragsarbeit verachtet, denn er kann und darf die Wahrheit hinter den Gesichtern nicht schaffen. Ersatzweise verlegt er sich aufs Schreiben (den Roman). Darin geht es um die Spezifika des Malens und des Schreibens (siehe den ironisch- pretiösen Titel), aber in erster Linie wird er sich selbst zum Rätsel: Was muss geschehen, dass er zu einer anderen, authentischeren Kunst gelangen kann? Scheinbar ziellos beschreibt er nun seinen Alltag, seine Freund- und Liebschaften, indem der Stil kompliziert und überreflektiert wird und so seine Selbstentfremdung signalisiert. Zwischendurch verfasst er fünf "autobiografische Übungen", die im Wesentlichen seine Eindrücke von einer Bildungsreise in die italienischen Museen und Begegnungen mit den großen Malern der Renaissance beinhalten und die wie Exerzitien der Selbstbefreiung in einem journalistischen, geläufigen Stil gehalten sind. H. bricht schließlich mit seinem Gewerbe als Porträtist, als er nicht mehr nur die gefällige Oberfläche darstellen kann und die vermögenden Kunden gegen sich aufbringt. Es folgen geistig-seelische Reduktion ("Wüste"), Neubesinnung, bis ein neues Verlangen entsteht, anders zu malen. Das fällt zusammen mit dem Einbruch der politischen Realität in sein Leben (das Buch endet mit dem Ende der Salazar-Diktatur) und einer Liebe, beides verbürgt eine neue existentielle Authentizität, die ihn jetzt auch dazu befähigt, wieder zu malen, indem er ein ehrliches Selbstbildnis in Angriff nimmt: "Jedes Kunstwerk, auch ein nicht gar so wertvolles wie das meine, sollte der Wahrheitsfindung dienen." (296)
Der Prozess von H.s Selbstentfremdung ist in der Darstellung nicht immer angenehm zu lesen, da oft uneinheitlich, intellektuell, überreflektiert geschrieben, wie es sich hier überhaupt um eine stark intellektuell bestimmte Literatur handelt. Nichtsdestoweniger merkt man diesem Bericht die persönliche Erschütterung an, es ist der Bericht einer Wandlung vom portugiesischen Mann ohne Eigenschaften zu einem Menschen, der eine authentische Lebensform gefunden hat.