Handbuch der Kunstdenkmäler. Sicher, das ist er. Doch für Insider ist er „der Dehio", die Bibel für Kunsthistoriker. Die neue Ausgabe des Dehio Kärnten bietet mehr als die vorherige Ausgabe bzw. die Dehios anderer Bundesländer (habe 5 davon). Für die 1157 Seiten wurde sehr dünnes Papier gewählt. Trotzdem ist er beachtliche 6 cm dick und wiegt 920 g - ein sehr gewichtiges Handbuch.
Inhaltlich hat er gegenüber der früheren Ausgabe aus den 70er Jahren deutlich zugelegt: Zu den Beschreibungen der kunstgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten kommen noch jene technischer Bauwerke und bäuerlicher Architektur. Der extrem kleingedruckte Inhalt wird durch Grundrisse von Kirchen, Burgen, Schlössern und gewachsenen Ortskernen genau an der passenden Textstelle unterbrochen.
Wenn man sich erst mal orientiert hat, ist das System einfach nachvollziehbar: nach Gemeinden (im zweisprachigem Gebiet auch mit dem slowenischen Ortsnamen)alphabetisch geordnet, kurze Geschichte des Ortes, Pfarrkirche, restl. Kirchen und Kapellen alphabetisch, bedeutende Profanbauten, Gassen alphabetisch, Kleindenkmäler, technische Denkmäler, Sammlungen (Museen). Auch die Beschreibung einer Kirche erfolgt immer nach dem selben System: Geschichte, Äußeres, Inneres, Decken- und Wandmalereien, Einrichtung (Hochaltar, Seitenaltäre, Kanzel, sonstige Ausstattung wie Bilder, Grabmäler, geschnitzte Wangen der Bänke).
Bisher habe ich noch kein Kunstwerk gefunden, dass nicht im Dehio beschrieben wird. Inhaltlich ausführlich, statt Sätze nur knappe Wortgruppen, aber exakt, um sich zu orientieren und gezielt nach speziellen Informationen im Lexikon oder Internet zu suchen (z. B. Lebenslauf eines Künstlers, Geschichte einer Grafenfamilie). Fachausdrücke? Natürlich, ohne Vorkenntnisse ist der Dehio nicht zu verstehen. Zumindest ein Handbuch oder eine Kurzausbildung für Baustilkunde ist dringend anzuraten. Die ersten drei Besichtigungen waren noch sehr mühsam, seither bin ich überaus dankbar für dieses Buch. Besonders hilfreich finde ich auch das Künstler- und Personenverzeichnis und der Ikonographie (Patrozinien, Heilige auf Seitenaltären) im Anhang, wo ich ganz schnell herausfinde, was der jeweilige Künstler noch gestaltet und der Graf noch besessen hat.
In den meist düsteren Kirchen ist die kleine Schrift kaum zu lesen. Während man sich ein Detail ansieht, verliert man bestimmt die Zeile zum Weiterlesen. Dafür habe ich eine sehr gute Lösung gefunden: Ich bereite mich vor, indem ich den Text auf Tonband spreche und stehe dann in der Kirche (im Schloss, ...), Tonbandgerät im Mantel- oder Hosensack, und höre mir per Ohrhörer den Text immer wieder an, bis ich alles gefunden und auch die Fachausdrücke alle verstanden habe.
Ich habe mir den Dehio Kärnten während meiner Ausbildung zum Fremdenführer gekauft und er ist mir bei der Vorbereitung von Rundfahrten und Stadtführungen unentbehrlich geworden. Sicher habe ich einige Ungenauigkeiten entdeckt: auf einem Altar werden zwei Bischöfe genannt, für mich mit Salzfass und Kirchenmodell eindeutig die Salzburger Bischöfe Rupert und Virgil.
Wer es nicht so genau wissen will, dem ist eher damit gedient, wenn er sich bei der jeweiligen Sehenswürdigkeit einen bebilderten Führer kauft - meist liegen sie in den Kirchen auf oder sind im Gemeindeamt erhältlich. Schade, Knaurs Kulturführer ist nicht mehr im Handel und einen Kärntner Dumont habe ich noch nicht gesehen.
Für Kulturtouristen ist der Dehio vielleicht doch etwas zu speziell, für Einheimische liegt er in jeder Gemeinde und Bücherei zum Nachschlagen auf. Doch wer bisher mit dem Dehio zufrieden war, sollte sich unbedingt auch die neue Ausgabe anschaffen.