Für mich als langjährigen Praktiker in der Jungen- und Männerarbeit ein exzellentes Werk, um ein Grundverständnis für das Verhalten der Jungen zu entwickeln und in den vielen Themenbereichen die Notwendigkeit einer geschlechtergerechten Erziehung begreifen zu lernen.
Seit Jahren tauchen Jungen als Thema in den Medien und der pädagogischen Diskussion auf: Haben wir eine Krise der Jungen oder gar eine Jungenkatastrophe?
Dieser Frage gehen die beiden Autoren nach und versuchen Lebenssituationen von Jungen verstehbar zu machen ohne zu verabsolutieren oder zu polemisieren.
Ausgehend von biologischen, psychologischen und soziologischen Grundlagen der Jungenpädagogik werden vielfältige Praxisfelder der pädagogischen Arbeit beleuchtet.
Was ist für mich das besondere an diesem Werk:
Seit nunmehr über 10 Jahren leite ich Fortbildungen, Seminare und Vorträge über Jungen und Jungenpädagogik. Anfangs leitete mich mehr die pädagogische Frage nach Erziehung der Jungen hin zu einem erweiterten Rollenverhalten.
In den vielen Elternabenden, Fachgesprächen mit erfahrenen Erziehern und Lehrern änderte sich meine Blickrichtung und es dominierten folgende Anliegen: Wir möchten die Jungen verstehen lernen! Können Sie erklären, warum sich Jungen und Mädchen unterschiedlich verhalten? Welche Rolle spielt die Biologie und wie können wir die natürlichen Verhaltensweisen und Bedürfnisse von Jungen aufgreifen und sinnvoll fördern?
Seit Jahren ist in der Praxis klar: ohne Verständnis für die auch biologischen Grundlagen kindlichen Verhaltens haben wir kein gutes Fundament für hilfreiche pädagogische Arbeit.
Das Buch hat mich begeistert, weil es das (pädagogische) Tabu durchbrochen hat, biologische Einflüsse auf Verhalten und Entwicklung ausführlich in den Blick zu nehmen. Es räumt biologischen Ansätzen eine zentrale Rolle für die Erklärung des Verhaltens männlicher Heranwachsender ein - ohne dabei die Umwelteinflüsse herunterzuspielen.
Viele Fachkräfte und Eltern haben immer wieder bestätigt, wie unterschiedlich die Verhaltens- und Reaktionsweisen von Jungen und Mädchen sind und wie wichtig es ist, dies zu respektieren. Dabei ist es ein Verdienst der Autoren, nicht in einen biologischen Determinismus zu verfallen, sondern auf die Plastizität der biologischen Dispositionen zu verweisen.
Daß sehr ausführlich auf die Jungensituation in der Schule eingegangen wird finde ich sehr hilfreich und der Realität angemessen. In den vielen Lehrerfortbildungen der letzten Jahre berichteten Teilnehmer immer wieder, wie problematisch sie das Verhalten der Jungen in der Schule sehen und wie wenig bisher in der Schulentwicklung darauf Rücksicht genommen wird.
Die verschiedenen Artikel des Buches: Jungen in der Grundschule, Voraussetzungen einer jungengerechten Schule, Jungen und Koedukation und die psychologischen Hintergründe der Probleme von Jungen liefern wichtige Gedanken und Anregungen für ein verändertes Verständnis.
Obwohl der Schwerpunkt des Buches in der Darstellung von Fakten, Problemfeldern und Erklärungen besteht, ist es für die Praxis hilfreich. Jungenpädagogik ist weniger eine Frage der Methodik als vielmehr eine Frage der Haltung und des Verständnisses.
So hat mir die Aussage von A. Guggenbühl (sinngemäß) : Mädchen verstehen Schule eher als Ort der Begegnung des Lernens und der persönlichen Reifung, während Jungen Schule mehr als Ort des Leidens oder sogar als Gefängnis sehen sehr geholfen, mit Lehrern an den Schulerfahrungen der Jungen zu arbeiten.
Ein besonderer Vorzug des Buches besteht für mich in der kritischen Auseinandersetzung mit der Pädagogik des Gender Mainstreaming.
Die Pädagogik des GM will Jungen verändern und für sie neue Wege erschließen. Das birgt das Problem, dass Jungen Verhaltens- und Denkweisen abtrainiert werden sollen, die aus der Erfahrung zu Kerneigenschaften männlicher Identität gehören (S. 154) z.B. Motorik, Wettkampfverhalten, rituelle Kämpfe, Imponierverhalten, blödeln, Kontaktaufbau über Provokation, Gruppenverhalten.
Werden Jungen mit diesen Verhaltensweisen nicht verstanden und angenommen, werden sie verunsichert. Und in dieser Verunsicherung liegt wie ich es häufig in der Praxis erlebt habe - das Potential für Resignation und Versagen ebenso wie Realitätsflucht oder Gewaltausbrüchen. Wie oft haben mir Jungen erzählt, dass Lehrer und Pädagogen sie umerziehen wollen ohne sie zu verstehen und mit ihren Eigenheiten anzunehmen und wie verwirrt und wütend sie dabei werden. Das Buch beschreibt diesen Prozess sehr gut im Exkurs: Feindbild traditionelle Männlichkeit (S 348 ff)
Manchmal möchte ich auf die Frage: Haben wir eine Jungenkatastrophe? am liebsten antworten: Jungen sind in Schwierigkeiten und wie manche Lehrer, Pädagogik und Gender Mainstreaming mit ihnen umgeht, grenzt an eine Katastrophe.
Das Buch weist auch auf meine Erfahrungen in der Beratung hin, wie sehr sich die Erziehungswelt feminisiert hat und welche massiven Folgen durch den Mangel oder der Ausgrenzung des väterlichen Prinzips in der Erziehung entstehen.
Der Autor Michael Matzner weist auf die Bedeutung der Väter für die Jungen hin. Auch dieser Aspekt kann aus meiner Sicht nicht genug betont werden, denn kaum ein Junge in der Jugendhilfe hat eine lebendige und gute Beziehung zu seinem Vater.
In der Praxis berichten Ausbilder und Meister zunehmend, wie die Fähigkeiten von Jungen, ihre "soft skills" zur Bewältigung von Ausbildung und Arbeit nachlässt.
Die Autoren haben den Mut, auf den volkswirtschaftlichen Schaden durch die Benachteiligung bzw. mangelnde Förderung der Jungen hinzuweisen. Dieser Bereich wird aus meiner Sicht in der Öffentlichkeit und in der Politik noch weit unterschätzt.
Für mich ist das Handbuch ein fachlich fundiertes Buch, das sich mit dem Grundverständnis für Jungen und vielfältigen Aspekten des Jungenlebens auseinandersetzt.
Bei all der Fülle gibt es noch einige Bereiche, an denen ich es für wichtig halte, sie weiter zu entwickeln (z.B. der Einfluß der Familie auf Jungen, Erfahrungsberichte von Jungen)
Fazit:
Lehrer und Schulleiter haben mir häufig gesagt: Wir haben so viel mit Jungen zu kämpfen und wissen doch so wenig über ihre Lebenssituation, ihre Entwicklung, Bedürfnisse und Schwierigkeiten.
Das Buch ist hier eine hervorragende Fundgrube und sollte Bestandteil jeder pädagogischen Ausbildung für Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen und Psychologen sein.
Peter Karl
Dipl. SozPäd
Jungen- und Männerberatung
Gersthofen