Ein „MUSS" für jeden Value Investor - oder sollte ich sagen Investor? Denn eines stellen Greenwald und seine Mitautoren klar heraus: Wer sich nicht auf prophetische Gaben verlassen kann, dem bleibt zur Wertpapieranalyse sinnvollerweise nur das „Value"-Instrumentarium. Herkömmlichen Verfahren, wie der DCF (discounted cash flow) -Analyse erteilen die Autoren eine deutliche Absage, weil Zukunftsprojektionen viel zu unsicher und manipulierbar sind.
Dennoch ist der „Value"-Ansatz selbst ein rigoroses Konzept, das im wesentlichen auf zwei Säulen beruht: Der Bestimmung des Reproduktionswertes aller „assets" einer Firma, und der Ertragskraft der Firma („Earnings power"). Reproduktionswert darf nicht mit Buchwert verwechselt werden, denn zu den assets gehören auch immaterielle Güter, wie zum Beispiel der Wert des technologischen know-hows, oder des in langen Jahren aufgebauten Vertriebsnetzes. Greenwald gibt hierzu zahlreiche Hinweise, wie solche „Assets" zu bewerten sind.
Mit „Earnings Power" ist grob gesagt der von der Firma langfristig erzielbare Gewinn dividiert durch Eigenkapitalkosten gemeint.
Im ersten Teil des Buches erklären die Autoren die Funktionsweise des Value Investing. Typische für Greenwald ist der Fokus auf wenige, aber wesentliche Prinzipien. Das wichtigste davon ist die Natur des Wettbewerbs: Langfristig erodiert der Wettbewerb meistens die Margen auf ein Niveau, bei dem bestenfalls die Kapitalkosten verdient werden. Der Value-Analyst muss daher beurteilen können, ob eine Firma über bestimmte Wettbewerbsvorteile verfügt (auch auf der Kostenseite), und ob sie diese gegebenenfalls verteidigen kann. Auch hier nennt Greenwald einige Beispiele und Fallstudien.
Der Leser sollte daher den Aufbau einer Bilanz und GuV nach US-GAAP oder zumindest nach IAS kennen. Greenwald setzt dies voraus, ohne jedoch tief in Spitzfindigkeiten der Rechnungslegung einzutauchen.
Abgeschlossen wird der erste Teil mit Hinweisen zur Portfolio-Konstruktion. Wiederum formuliert Greenwald etwas provokant, ob es sinnvoll ist, ein Sammelsurium etlicher Firmen in verschiedenen Industrien anzulegen, oder ob man sich zur Risikoreduktion nicht besser auf eine überschaubare Gruppe von Firmen in einem Gewerbe konzentriert, das der Investor tatsächlich versteht.
Im zweiten Teil werden die Stile und langfristigen Ergebnisse einzelner Investoren erklärt. Am erster Stelle steht hier Warren Buffet, der an der Columbia University noch vom Großmeister des Value Investing, Ben Graham, gelernt und die Methode weiterentwickelt hat. Die Autoren lassen jedoch Buffet selbst sprechen, in Form einer Auswahl aus den Erläuterungen in den Jahresberichten von Berkshire Hathaway. Hier schließe ich eine kleine Kritik an. Der Fundus an Ideen und Tips in diesen Jahresberichten ist derart umfangreich, dass jede Auswahl (und damit Einschränkung) dem Autor fast Unrecht tut. Hier würde ich die wesentlich umfangreichere Sammlung „Die Essays von Warren Buffet" als Ergänzung und Vertiefung empfehlen.
Manche Leser mögen den Autoren einen etwas saloppen Schreibstil vorwerfen, und dass ihre Erklärungen nicht rigoros genug sind. Ich sehe die Stärke jedoch in der Reduktion auf wenige und klare Prinzipien, ohne übermäßig vereinfachend zu sein. Das Werk ist zügig lesbar, mit richtig spannenden Fallstudien, und es verzichtet auf die für die meisten Leser unbrauchbaren und langweiligen mathematischen Formalisierungen. Ich reihe es als eindeutige „Nummer 1" für deutschsprachige Literatur in der Kategorie „Investitionstheorie".