Es ist nicht erstaunlich, dass Epiktets praxisorientierte Philosophie in einer unsicheren Zeit entstand. Philosophie wird zum Mittel der Krisenbewältigung, zur Lebenshilfe, zu einem irdisches Glück verheißenden Religionsersatz.
Epiktet ist der Vertreter der Stoa. Als Sklave gelebt hat er früh erkannt, dass man selbst seinen höchsten Wert darstellt. Aus diesem Grunde empfiehlt er folgerichtig, nur das zu beachten, was zu verändern in unserer Macht steht. So sei ebenso auf die Wünsche und Begierden zu achten, rät er, damit nicht Unzufriedenheit über einen kommt. Unabänderliches versuche nicht durch Wünsche zu verbessern, unerreichbares nicht durch falsche Begierde. So bleibe dem Sichtbaren, Realen treu und verliere dich nicht in Vorstellungen und Phantasien, die zu Vorwürfen gegenüber anderen führen, als philosophischer Anfänger auch gegen sich. Ist man wahrhaft gebildet, tut man weder das eine noch das andere. Wolle das, was geschieht klingt schon wie eine Neurologische Erkenntnis der Jetztzeit. Achte darauf, was Gut und Böse ist, ist eine Maxime des Epiktetes, aber suche es nur in dem, was in deiner Macht steht. Darum nennt er den, der das richtige erstrebt oder vermeidet, fromm, denn der vertraut auf die Götter. Handeln und Bewusstsein machen den Menschen aus, das reine Überleben und Vermehren ist ebenso die Bestimmung vernunftloser Wesen. Demjenigen, dem Vernunft und Bewusstsein gegeben, hat sich in der rechten Art und seinem Wesen gemäß zu verhalten. Ein Gott ist daher immer in der Nähe, weil er im Menschen ist. "In dir selbst hast du ihn und merkst es nicht."
Epiktet wurde im Jahr 50 n. Chr. geboren. Wie mit Platon und Aristoteles metaphysische Spekulation und wissenschaftlich-systematische Erkenntnis ihren Höhepunkt hatten, dient die Stoa und vor allem bei Epiktet der Sittlichkeit und Religiosität. Die Trias Logik, Physik und Ethik ist Bestandteil dieser durch Zenon im Jahre 300 v. Chr. begründeten Denkrichtung. Zenon suchte Anschluss an Heraklit, Sokrates und den Kynikern, ebenso bei Aristoteles. Neben Epiktet sind Seneca und der Cäsar Marc Aurel (siehe Rezension) die bekannten Vertreter des stoischen Denkens. Auswirkungen hatte die Philosophie der Stoa vor allem im Neuen Testament, bei den Schriften der Kirchenväter wie Augustinus, bei Spinoza und Goethe (vgl Dichtung und Wahrheit, II/6). Auch finden wir in den Werken Shakespeares Gedankengut der Stoa wieder.
Stoiker sind von Grund auf monisthisch, sie sehen im leitenden Prinzip alles, sie gelten als die konsequentesten Pantheisten des Altertums. Dieses leitenden Prinzip, der Gott Zeus, die Weltenseele ist alles, durch ihn, mit ihm und in ihm sind alle Dinge. Und so ist das stoische Weltbild eines des Neuen Testamentes. Seneca führt bereits seine Form des Pantheismus auf einen Gott zurück, so dass man schon von Theismus reden kann. Die ewige Wiederkehr, die Verknüpfung von Ursache und Wirkung zu einem, das All und die Vorsehung sind Elemente einer absoluten Logik. Wirklich frei in diesem Felde ist derjenige, der sich den Gesetzen der Natur unterordnet, sagt Spinoza und diesem Sinne meinte Seneca Gott und Nietzsche den ewigen Mittag.
Für die Stoiker gilt, dass der menschliche Verstand nicht ausreiche, den göttlichen Gedanken in der Entfaltung der Welt zu verfolgen. Bei Jes 55,1-6 heißt es: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.
Wer sich selbst genug ist und frei allen Begehrens ist dem höchsten Ideal der Stoiker am nächsten. Unempfindlich den Freuden des Lebens gegenüber muss man jedoch nicht sein. Dieselbe Vernunft, dasselbe allgemeine Gesetz, ein Recht, ein Gesetz, ein Staat denken bereits den Weltstaat und den Kosmopolitismus. Die Herren Spinoza, Kant und Hegel haben einiges von ihren Vordenkern gelernt.