Ein ewiger Kampf ist das Leben gegen die Boshaftigkeit der anderen, so hat Gracián einmal unmißverständlich seine Vorstellungen von der Grunddynamik des menschlichen Lebens artikuliert.
Es gibt selten Texte der Weltgeschichte, in denen so klar und unbestechlich das menschliche Verhalten und seine impliziten Regeln beobachtet und beschrieben wurden. Graciáns Handorakel gehört dazu. Der spanische Jesuit aus dem 17. Jahrhundert will seinem Leser einen aus 300 kurz gefaßten Regeln bestehenden Leitfaden an die Hand geben, mit dem er sicher darüber urteilen kann, was die anderen im Schilde führen, wie man sich dagegen wehren kann und wie man selbst seine eigenen Angelegenheiten den anderen gegenüber durchsetzen kann.
Gracián faßt das Leben als Krieg auf. Immer muß man auf der Hut sein, um nicht Opfer der anderen zu werden. Diese pessimistische Sicht der anderen, die angesichts von Mobbing und anderen Ränkespielchen heute so aktuell erscheint, mußte Gracián entwickeln, weil in seiner Zeit die Verhältnisse auch so waren.
Gracián trägt jedoch nicht die Hoffnung, daß sich die Dinge ändern werden, wohl aber hofft er, daß der verständige Mensch sich mit diesem Leitfaden in der Hand wenigstens gegen die Agriffe von Mißgunst und Neid zu Wehr zu versetzen vermag.
In der Tat scheint es so, als sei es Gracián wenigstens gelungen, immer wieder das Interesse von wichtigen Verlegern und Übersetzern auf sich zu ziehen. Berühmt ist Graciáns Text in Deutschland geworden, als ihn Arthur Schopenhauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzte. Dieser mit großer Sprachkompetenz aus dem Spanischen übersetzte Text ist auch die Grundlage der hier vorgestellten Ausgabe des Handorakels.
Einen Leitfaden für den erfolgreichen Kampf gegen Gemeinheit, Hinterhalt und Niedertracht hat Gracián auch seinen heutigen Lesern geliefert, doch Vorsicht: mit diesem Büchlein wissen auch die anderen schon, wie sie ihrerseits gegen den gelehrigen Schüler von Gracián vorzugehen haben.
Facit: Ein ideales Buch, um sich schonungslose und kompromißlose Klarheit über den Menschen auf der moralisch niedrigsten Stufe seines Handelns zu verschaffen.