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62 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Bausteine zu einer Antifa-Legende: Hammerstein light, 3. Februar 2008
Das Buch stellt den Versuch dar, Aspekte der Biografie des Reichswehrgenerals Kurt von Hammerstein-Equord (1878-1943) in den Griff zu nehmen. Der Autor legt den Schwerpunkt auf das Handeln bzw. Nichtstun des Generals, der zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers Chef der Heeresleitung war, also der oberste Soldat des Heeres. Daneben spielen vor allem die drei ältesten Töchter eine Rolle, nämlich als sowjetische Agentinnen in der fraglichen kurzen Zeit. Hierdurch geraten auch deren Liebhaber aus der KPD und dem Parteigeheimdienst M-Apparat (richtiger jedoch in dieser Zeit: AM-Apparat) mit in den Blick. Die Töchter spionierten zugunsten der Sowjetunion im Schreibtisch ihres Vaters und belauschten die denkwürdige Rede, die der soeben zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler im Esszimmer der Familie vor der geladenen Reichswehrspitze am 3. Februar 1933 hielt.
Die Darstellung schwankt zwischen Schilderung und eingestreuten fiktiven Interviews des Autors mit den Protagonisten. Dazu zählt vor allem auch die aus Österreich-Ungarn stammende Sowjetagentin Ruth von Mayenburg (1.7.1907 Serbitz/Böhmen-26.6.1993 Wien. Lebt ab 1930 in Wien, Mitglied in sozialistischen Zirkeln. 1932 Ehe mit dem Redakteur der Arbeiter-Zeitung, Ernst Fischer. 1934 Teilnahme am Wiener Februaraufstand, anschließend Flucht über Prag in die Sowjetunion. Bis Februar 1938 Agentin der sowjetischen Militäraufklärung GRU; hält u.a. den Kontakt zur Agentin Helga von Hammerstein. 1941, nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, im Komiternapparat (Deckname: Ruth Wieden) bis 1943, sodann bei der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, Abteilung 7 (Zersetzung), zunächst Fronteinsatz bei der 33. Sowjetarmee, auch Einsatz in diversen Kriegsgefangenenlagern; wirbt bei dieser Gelegenheit den deutschen Feldmarschall Friedrich Paulus im August 1944 für den Bund Deutscher Offiziere an. 1945 Rückkehr nach Österreich, Generalsekretärin der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft. 1966 Austritt aus der KPÖ. Zweite Ehe mit dem konservativen Publizisten Kurt Diemann-Dichl. Tätigkeit als Publizistin und Übersetzerin).
Durch den literarischen Kniff der fiktiven Interviews werden dem Leser die Hauptquellen offeriert. Im Falle der Dame Mayenburg erweist sich das als wenig hilfreich, denn auf diese Weise sitzen Autor und Leser der Legende von der Tuchatschewski-Intrige auf, deren Inhalt es ist, dass das von Stalin angeordnete Todesurteil gegen den Sowjetmarschall Michail Tuchatschewski auf einer genialen Täuschungsoperation beruhte, deren Macher der Chef des SS-Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich war. Dergleichen lässt sich heute kaum noch in dieser Schlichtheit vertreten. Manches andere aus dem Mayenburg-Schatz auch nicht.
Doch zurück zu der Hauptperson. Zu den Thesen des Autors gehört es, dass Hammerstein beim drohenden Machtantritt Hitlers nicht mit Waffengewalt eingriff, da er einen Bürgerkrieg vermeiden wollte. Das ist eine schwache These, die nur deshalb ganz gut durch das ganze Buch trägt, weil es andere Aspekte aus Hammersteins Leben völlig ausblendet. Zum Beispiel diesen hier: Nur ein halbes Jahr zuvor hatte der damalige Reichskanzler Franz von Papen den sog. Preußenschlag durchgeführt. Hierbei ging es darum, nach einer Wahl im größten und bevölkerungsreichsten Land des Deutschen Reiches das Vakuum vor der Bildung einer neuen Koalitionsregierung zu nutzen und im Wegen der Reichsexekutive im angeblichen Notstandsgebiet Preußen die Macht an sich zu reißen. Dieser Staatsstreich von oben war nur möglich, weil sich Papen auf die in Berlin aufmarschierende Reichswehr des Hunderttausendmann-Heeres stützen konnte. Dieser Aufmarsch war zur Einschüchterung bitter nötig, denn auf der anderen Seite standen über fünfzigtausend Mann einer im Straßenkampf erprobten preußischen Polizei unter einem sozialdemokratischen Innenminister. Die SPDler kniffen bekanntlich und traten kampflos ab; so blieb der Preußenschlag unblutig. Damit das nicht in Vergessenheit gerät: Das alles konnte nur gelingen, weil der Chef der Heeresleitung, eben jener Hammerstein, den Befehl zum Aufmarsch der Truppen erteilt hatte. Er hatte offenbar keinerlei Bedenken, Deutschland in einen Bürgerkrieg zu stürzen, wenn ..., ja wenn er nur den Befehl dazu erhielt.
Mit diesem Detail lässt sich die Schwäche des Buches gut illustrieren. Das Eindampfen einer Biografie auf Einzelaspekte birgt die Gefahr der Fehlbeurteilung eines Lebenslaufes. Zum Kolorit dessen ist vor allem auf die Abwesenheit des Militärischen und des dazu gehörige Denkens und Handelns hinzuweisen - ein erstaunlicher Befund bei der Beschreibung eines preußischen Generals, der aus einer Clique von um die Fünfzigjährigen stammte, die sich am Anfang der 1930er Jahre an die Spitze von Armee und Regierung gekämpft hatten, unter diesen Leute wie die 1934 von den Nazis ermordeten Generale Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow sowie der Oberst Eugen Ott. Vom Letztgenannten enthält das Buch (S. 158) angeblich ein Foto; doch der Abgebildete ist ein anderer, ein Namensvetter. Einem Kenner der Uniformen der deutschen Wehrmacht wäre das aufgefallen. Andere Fehler mögen nur noch Spezialisten aufstoßen, z.B. im tabellarischen Lebenslauf auf S. 13: 1918 Ia im Generalstab des Generalkommandos", recte: Generalkommando 65.
Wer also war Hammerstein? Ein Karriereoffizier, mit leicht schnoddrig berlinerndem Kasinoton, von vermutlich geringer Allgemeinbildung (wie in diesen Kreisen leider üblich), doch durchgebildet in der Schule des preußischen Generalstabs, in dem der Satz galt: Besser ein falscher Entschluss als gar keiner. Und so übten die angehenden Generalstäbler das bis zum Erbrechen: Beurteilung der Lage und Entschluss. Hammerstein war sicher klug genug, um später seine Fehlbeurteilung der Lage im Januar 1933 zu erkennen. Vermutlich war er im Sommer des Folgejahres so weit, als seine Generalskameraden Schleicher und Bredow beim sog. Röhm-Putsch ermordet wurden. Warum war er nicht unter den Opfern? Dafür muss man sich die Brille der Mörder aufsetzen. Sie hielten ihn als Gegner nicht für bedeutend genug. Hammerstein war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem knappen halben Jahr im selbst erbetenen Ruhestand. Er hatte diesen Weg gewählt, weil, wie der Historiker Walter Görlitz in den 1950er Jahren schrieb, Hammerstein kein Mann systematischer Schreibtischarbeit war, eine Arbeit, die angesichts der Heeresvermehrung, die von Hitler verordnet worden war, jetzt unaufschiebbar auf dem militärpolitischen Programm stand. Es mag zutreffen, dass Hammerstein nach den Morden vom Sommer 1934 erkannte, was die Stunde geschlagen hatte, doch das ist etwas ganz anderes als die Kette von Fehlbeurteilungen des Jahres 1933, die in ihm schließlich den Entschluss reifen ließen, die Schreibtischfron mit der Hasenjagd zu tauschen.
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41 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Zwiespältig aber gut zu lesen, 1. März 2008
Kurt von Hammerstein, kaum bekannt, war adliger Militär der alten Schule. Er legte in der Weimarer Republik eine Traumkarriere hin, in der er es bis zum Chef der Heeresleitung brachte. Dadurch spielte er eine wichtige politische Rolle.
Hammerstein sah die dunklen Wolken über Deutschland heraufziehen, nutzte seine Möglichkeiten jedoch nicht aus: aufkommende Staatsstreichpläne ließ er fallen, da er einen Bürgerkrieg fürchtete. Schließlich zog Kurt von Hammerstein den Rückzug vor: er nahm 1934 seinen Abschied. Er erlag 1943 einem Krebsleiden, das ihn vor der Verhaftung bewahrte.
Der Autor widmet sich in diesem Buch nicht nur Kurt v. Hammerstein selbst, sondern auch intensiv dessen sieben Kindern, von denen die fünf ältesten aktiv gegen die Nazis wurden. Enzensberger rekonstruiert mit Hilfe von Archiven, Zeitzeugen und mit Hilfe seiner Phantasie Geschichte. Er komponiert eine Geschichte zwischen Verrat und aufrechtem Gang.
Die Urteile über dieses Buch werden sehr gespalten sein: in der Tradition von Sebastian Haffner versteht es Hans Magnus Enzensberger komplizierte geschichtliche Zusammenhänge einem breiten Publikum verständlich zu machen und in wenig scharfsinnigen Analysen bekannte Sachverhalte neue Perspektiven zu geben. Die Tradition erzählender Geschichtsschreibung, im anglo-amerikanischen Gang und gäbe, ist bei uns leider noch nicht etabliert. Wir diskutieren immer noch darüber, ob es ein Roman oder ein Sachbuch ist. Das Buch von Hans Magnus Enzensberger ist keins von beiden: vor uns liegt gut recherchierte, flüssig geschriebene und leidlich spannende Dokumentar-Literatur über die schwärzeste Zeit der jüngeren Geschichte. Dieser biographische Mix aus erzählter Geschichte, historischen Originaltexten, kommentierten Glossen und Totengesprächen will uns wichtige Werte für die Gegenwart vermitteln. Hammerstein als einflussreicher und früher Nazi-Gegner hätte Hitler verhindern können, der aber dann doch gezaudert hat, wie so viele Offiziere, die weit hinter ihren politischen Möglichkeiten blieben!
So erscheint dieses Buch von Hanns Magnus Enzensberger wie ein verworrener Versuch, an der Person von Kurt von Hammerstein den ganzen Berufsstand der damaligen Generalstabsoffiziere rein zu waschen - vergeblich und fast kläglich!
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Vom erzieherischen Wert der Faulheit, 25. März 2008
Hans Magnus Enzensberger erzählt die Geschichte der Adelsfamilie von Hammerstein-Equord, deren Oberhaupt Kurt von 1930-1934 Chef der Heeresleitung der Deutschen Reichswehr war. Damit nahm er zur Zeit der Machtergreifung Hitlers Ende Januar 1933 eine Schlüssselstellung ein. Zudem war er ein persönlicher Freund des letzten Reichskanzlers der sterbenden Weimarer Republik, General Kurt von Schleicher. Die Geschichte kennt man, der senile Feldmarschall Hindenburg machte, kraft der ihm von der Verfassung gegebenen Autorität den "österreichischen Gefreiten" zum Kanzler, u.a. auch gegen den Willen des Generalobersten von Hammerstein. Dessen Frau Marie war eine geborene von Lüttwitz, deren Vater, gleichfalls General, beim sogenannten Kapp-Putsch von 1920 als Chef eines Freikorps die eigentliche Hauptrolle spielte und seinen Schwiegersohn vorübergehend in Haft nehmen liess. Da in der Weimarer Republik zufolge des Versailler Vertrages die Reichswehr auf eine Truppenstärke von 100'000 Mann zurückgestutzt blieb (ohne Generalstab, Luftwaffe und Marine), nahm sie inoffiziell und illegal Verbindung zur Roten Armee der ebenfalls geächteten Sowjetunion auf, die schliesslich in eine für beide Seiten zweckdienliche Zusammenarbeit mündete. Anlässlich dieser Kooperation reiste auch von Hammerstein in die SU und lernte dabei verschiedene führende Köpfe der Roten Armee, wie etwa die Marschälle Tuchatschewski oder Woroschilow kennen, deren einige der säuberungswütige Stalin später rollen liess.
Die Familie von Hammerstein, kinderreich wie im Adel nicht unüblich, bestand aus zudem aus vier Töchtern und drei Söhnen, deren Lebensläufe Enzensberger ebenfalls nachzeichnet. Während die älteren Töchter durch Beziehungen sich im Dunstkreis der abgetauchten KPD und somit Moskaus bewegten, kamen die älteren Söhne auch unter dem Einfluss des Vaters mit dem Widerstand in Berührung. Es gelang ihnen jedoch, zum Teil mit einigem Glück, im Nachgang zum 20. Juli 1944 sich der tödlichen Schlinge zu entziehen. Der Vater, der schon zu Beginn und nach persönlichen Begegnungen mit Hitler hellsichtig das katastrophale Ende des "Tausendjährigen Reiches" voraussah, verstarb, gewissermassen rechtzeitig, im April 1943 an Krebs.
Formal bedient sich der Autor bei der Erzählung dieser Familiengeschichte dreier Elemente, nämlich der eigentlichen Erzählung, der Glosse (Essay) und des Totengesprächs mit Beteiligten. Das Verfahren soll nicht bewertet werden, hingegen befriedigt das Resultat leider nur beschränkt. Einerseits setzt es einige Kenntnis der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge jener Zeit voraus und erweckt anderseits leider die Protagonisten trotz der eingesetzten Mittel nicht wirklich zum Leben. Eigensinn wird schon im Buchtitel als Markenzeichen gesetzt, dessen Ausprägung das Oberhaupt, trotz seiner militärischen Herkunft in keiner Weise behinderte. So wird uns letztlich ein Erzieher als Modell vorgeführt, dessen Faulheit gepaart mit scharfem Verstand die jeweils eigene Entwicklung zum mündigen und couragierten Menschen zulässt, ja erst ermöglicht. Das ist schon sehr viel, wenn wieder einmal die Kraft zum Widerstand aufzubieten ist.
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