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Mit Hammerstein und der Eigensinn hat sich Enzensberger nach Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod
und Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano zum dritten Mal dem Genre des historischen Romans zugewandt. Für die Recherche studierte er laut Verlagsinformationen Akten in den Achiven von Moskau bis Berlin, von München bis Toronto. Das Dokumentarische seiner Ausführungen ist damit wohl verbürgt. Aber das ist wahrlich nicht das Beste an Enzensbergers Hammerstein. Das Beste ist der unglaubliche Eigensinn, mit dem der Autor Dichtung und Wahrheit, Fakten und Fiktion zu einem großen Ganzen zu verknüpfen weiß. Dabei bedient sich Enzensberger des Zitats ebenso wie des fiktiven (posthumen) Dialogs ebenso wie sachlicher und erzählerischer Passagen. Wie er das macht -- und so, auch mit vielen Bilder, ein zeitgeschichtliches Panorama der deutschen Geschichte, ihrer Verstrickungen und schillernden Helden entwirft -- , ist wahrlich meisterhaft.
Die Geschichte dieser Familie beschäftigt mich, weil sie viel darüber sagt, wie man Hitlers Herrschaft überstehen konnte, ohne vor ihm zu kapitulieren, hat Enzensberger seine Intention zusammengefasst. Nicht zuletzt handelt diese exemplarische deutsche Geschichte von den letzten Lebenszeichen einer deutsch-jüdischen Symbiose und davon, dass es lange vor den feministischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte die Stärke der Frauen war, von der das Überleben abhing. In Hammerstein und der Eigensinn hat Enzensberger diese Ansicht mit allen nur erdenklichen Mitteln der Kunst anschaulich greifbar gemacht. Ein großes Buch eines großen Autors, das man unbedingt lesen sollte . -- Stefan Kellerer, Literaturanzeiger.de
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Vom erzieherischen Wert der Faulheit,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hammerstein oder Der Eigensinn: Eine deutsche Geschichte (Gebundene Ausgabe)
Hans Magnus Enzensberger erzählt die Geschichte der Adelsfamilie von Hammerstein-Equord, deren Oberhaupt Kurt von 1930-1934 Chef der Heeresleitung der Deutschen Reichswehr war. Damit nahm er zur Zeit der Machtergreifung Hitlers Ende Januar 1933 eine Schlüssselstellung ein. Zudem war er ein persönlicher Freund des letzten Reichskanzlers der sterbenden Weimarer Republik, General Kurt von Schleicher. Die Geschichte kennt man, der senile Feldmarschall Hindenburg machte, kraft der ihm von der Verfassung gegebenen Autorität den "österreichischen Gefreiten" zum Kanzler, u.a. auch gegen den Willen des Generalobersten von Hammerstein. Dessen Frau Marie war eine geborene von Lüttwitz, deren Vater, gleichfalls General, beim sogenannten Kapp-Putsch von 1920 als Chef eines Freikorps die eigentliche Hauptrolle spielte und seinen Schwiegersohn vorübergehend in Haft nehmen liess. Da in der Weimarer Republik zufolge des Versailler Vertrages die Reichswehr auf eine Truppenstärke von 100'000 Mann zurückgestutzt blieb (ohne Generalstab, Luftwaffe und Marine), nahm sie inoffiziell und illegal Verbindung zur Roten Armee der ebenfalls geächteten Sowjetunion auf, die schliesslich in eine für beide Seiten zweckdienliche Zusammenarbeit mündete. Anlässlich dieser Kooperation reiste auch von Hammerstein in die SU und lernte dabei verschiedene führende Köpfe der Roten Armee, wie etwa die Marschälle Tuchatschewski oder Woroschilow kennen, deren einige der säuberungswütige Stalin später rollen liess.Die Familie von Hammerstein, kinderreich wie im Adel nicht unüblich, bestand aus zudem aus vier Töchtern und drei Söhnen, deren Lebensläufe Enzensberger ebenfalls nachzeichnet. Während die älteren Töchter durch Beziehungen sich im Dunstkreis der abgetauchten KPD und somit Moskaus bewegten, kamen die älteren Söhne auch unter dem Einfluss des Vaters mit dem Widerstand in Berührung. Es gelang ihnen jedoch, zum Teil mit einigem Glück, im Nachgang zum 20. Juli 1944 sich der tödlichen Schlinge zu entziehen. Der Vater, der schon zu Beginn und nach persönlichen Begegnungen mit Hitler hellsichtig das katastrophale Ende des "Tausendjährigen Reiches" voraussah, verstarb, gewissermassen rechtzeitig, im April 1943 an Krebs. Formal bedient sich der Autor bei der Erzählung dieser Familiengeschichte dreier Elemente, nämlich der eigentlichen Erzählung, der Glosse (Essay) und des Totengesprächs mit Beteiligten. Das Verfahren soll nicht bewertet werden, hingegen befriedigt das Resultat leider nur beschränkt. Einerseits setzt es einige Kenntnis der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge jener Zeit voraus und erweckt anderseits leider die Protagonisten trotz der eingesetzten Mittel nicht wirklich zum Leben. Eigensinn wird schon im Buchtitel als Markenzeichen gesetzt, dessen Ausprägung das Oberhaupt, trotz seiner militärischen Herkunft in keiner Weise behinderte. So wird uns letztlich ein Erzieher als Modell vorgeführt, dessen Faulheit gepaart mit scharfem Verstand die jeweils eigene Entwicklung zum mündigen und couragierten Menschen zulässt, ja erst ermöglicht. Das ist schon sehr viel, wenn wieder einmal die Kraft zum Widerstand aufzubieten ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Biographie im Strickmuster eines zeitgeschichtlichen Krimis,
Von Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (HALL OF FAME REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Hammerstein oder Der Eigensinn: Eine deutsche Geschichte (Gebundene Ausgabe)
"Angst ist keine Weltanschauung". Dieses Motto von Hammerstein ist dem Buch voran gestellt. Die Aussage stammt zwar aus einer anderen Epoche, aber Angstangebot und Angstnachfrage wird es immer geben, nur Art und Umfang unterliegen zeitlichen Wechselspielmomenten.Hans Magnus Enzensberger, einer der renommiertesten deutschen Dichter, Schriftsteller und Herausgeber hat mit viel Akribie die Geschichte des Generals Kurt von Hammerstein-Equord mit Hilfe ihm zugänglicher Quellen recherchiert, hat dabei Einblick in Archive von Berlin bis Moskau und von München bis Toronto nehmen können. Der Rote General Kurt von Hammerstein war Ende der Weimarer Republik der höchste Militär. Über diesen General, der sich von Anfang an Hitler strikt verweigerte, war bisher biographisch nicht all zu viel bekannt. Vielleicht mussten auch erst viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehen, um die für die Geschichte dieser Familie wichtigen und notwendigen Quellen verfügbar zu machen. Erst damit ist dem Autor, der sich schon lange für die wechselvolle Familiengeschichte derer von Hammerstein interessierte, gleichzeitig das dafür erforderliche Minimum an Unbefangenheit und Neutralität an Hand gegeben worden, um das rein Dokumentarische seiner Ausführungen gewährleisten zu können. So hat der Autor ausführlich das facettenreich Schillernde an dieser Figur Hammerstein, weder Held noch Märtyrer, seinen Hintergrund und sein Privatleben brillant herausgearbeitet. Wegen seinem starren Eigensinn hat sich von Hammerstein eigentlich Zeit seines Lebens nie an die Spielregeln seines Milieus gehalten. Besonders beim Kapputsch, bei dem auch Mitglieder seiner Familie involviert waren, wurde diese Trotzköpfigkeit deutlich. Die Vorgehensweise der Putschisten widersprach seinem adligen militärischen Ethos, darüber hinaus sagte ihm seine analytische Fähigkeit, dass dieser Putsch Unsinn war. Von den meisten seiner Wegbegleiter wird von Hammerstein (1878-1943) als sehr intelligenter Mensch und genialer Generalstäbler beschrieben, der seinen Mitmenschen stets mit einer gesunden Portion Misstrauen begegnete. Nach dem Fall des Kaiserreichs fühlte er sich als freier Republikaner. Hitler lernte er zum ersten Mal 1925 kennen und empfand spontan große Verachtung für ihn. 1933 versuchte er bei Hindenburg Hitlers Berufung zum Reichskanzler zu verhindern. Der Versuch schlug fehl. Nach der Machtergreifung Hitlers beabsichtigte Hammerstein eine politisch unabhängige Reichswehr zu erhalten, einen Einsatz der Reichswehr gegen die Nationalsozialisten wollte er nicht riskieren. Seinen Abschied wollte er eigentlich sofort nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einreichen. Davon hielt ihn zunächst sein Freund Kurt von Schleicher ab. Bei einem Geheimgespräch, welches vor den versammelten obersten Militärs im Februar 1933 in seinem Dienstzimmer stattfand, legte Hitler unverhüllt seine militärischen Pläne für den Zweiten Weltkrieg offen; Beseitigung von Millionen Menschen aus Europa, Lebensraumerweiterung gen Osten, Krieg gegen Russland. Hitler soll damals das Gefühl gehabt haben, gegen eine Wand zu reden, denn der einzige, der das Ausmaß der möglichen Folgen mit dem unvermeintlichen finalen Untergang des Deutschen Reiches verstand, schien General Kurt von Hammerstein gewesen zu sein. Zwischenzeitlich mischte sich General von Blomberg immer mehr in das Aufgabengebiet von General Hammerstein ein und beeinflusste die Truppen der Reichswehr zunehmend mit nationalsozialistischem Gedankengut, Hammerstein konnte sich nicht zur Wehr setzten, blieb zu passiv, resignierte zunehmend und legte schließlich im Dezember 1933 seine Ämter nieder. Nach seinem Ausscheiden verhängte General von Blomberg einen inoffiziellen Boykott über Hammerstein. Jeder seiner Kontakte wurde registriert, seine Besucher galten als Verräter mussten mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Der Autor erzählt nicht nur das Schicksal Hammersteins, sondern auch das seiner Frau und seiner sieben Kinder. Jede der Figuren war eigensinnig und ausgesprochen widersprüchlich und voller Amivalenzen. Das arbeitet der Autor genau heraus, ohne auch nur das kleinste schön zu reden. Ideale Lebensläufe, was man auch immer darunter verstehen mag, gab es nicht. Es waren höchst irre Lebensläufen, häufig wurden Doppelleben geführt. Die Frauen spielen in dem Buch auch eine große Rolle. So erfährt der Leser, dass die beiden Töchter für den Geheimdienst der KPD gearbeitet haben. Ihnen gefiel das ganze Milieu nicht, sie rebellierten und verliebten sich in junge jüdische Kommunisten. Selbst nach den Stalinistischen Schauprozessen sind die Töchter linientreu geblieben. Hammersteins Söhne Ludwig und Kunrat nahmen 1944 an dem Staatsstreich gegen Hitler teil. Das Buch entwirft mosaikartig ein zeitgeschichtliches Bild der deutschen Geschichte an Hand einer grotesken Familienkonstellation, die über weite Strecken bizarre Züge trägt. Der Autor hat wie gesagt pedantisch genau recherchiert und es ist ihm trotz mancher Widersprüche gelungen, die Geschichte dieser Familie, die zum Schluss noch in Sippenhaft genommen wurde, für den Leser glaubhaft darzustellen. Hans Magnus Enzensberger fragt nach, was haben sich die Beteiligten damals gedacht, warum haben sie sich so und nicht anders verhalten? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden hat sich der Autor einer alten literarischen Form bedient, die man schon in der Antike kannte. Er führte Unterhaltungen mit Toten, fand eigentlich so zu all seinen Figuren einen wertfreien Zugang, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Das ganze Buch ist durchzogen von posthumen Gesprächen, die der Erzähler Enzensberger mit verschiedenen Charakteren geführt hat. Die Ergebnisse und Perspektiven sind bemerkenswert, rechtfertigen die Vorgehensweise, auch wenn ernsthafte Historiker diese Art missbilligen mögen. Ein Buch das eine Jahrhundertfigur zurückholt ist an Empfindungen, Verflechtungen und Ebenen so reich ist, wie der teuerste Teppich an Knoten. Es ist kein Roman, sondern eine historische Dokumentation über ein Leben im Eigensinn, und Hans Magnus von Enzensberger schreibt in einem Stil, der das Prädikat meisterhaft von der ersten bis zur letzten Seite verdient. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
61 von 80 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Bausteine zu einer Antifa-Legende: Hammerstein light,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hammerstein oder Der Eigensinn: Eine deutsche Geschichte (Gebundene Ausgabe)
Das Buch stellt den Versuch dar, Aspekte der Biografie des Reichswehrgenerals Kurt von Hammerstein-Equord (1878-1943) in den Griff zu nehmen. Der Autor legt den Schwerpunkt auf das Handeln bzw. Nichtstun des Generals, der zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers Chef der Heeresleitung war, also der oberste Soldat des Heeres. Daneben spielen vor allem die drei ältesten Töchter eine Rolle, nämlich als sowjetische Agentinnen in der fraglichen kurzen Zeit. Hierdurch geraten auch deren Liebhaber aus der KPD und dem Parteigeheimdienst M-Apparat (richtiger jedoch in dieser Zeit: AM-Apparat) mit in den Blick. Die Töchter spionierten zugunsten der Sowjetunion im Schreibtisch ihres Vaters und belauschten die denkwürdige Rede, die der soeben zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler im Esszimmer der Familie vor der geladenen Reichswehrspitze am 3. Februar 1933 hielt.Die Darstellung schwankt zwischen Schilderung und eingestreuten fiktiven Interviews des Autors mit den Protagonisten. Dazu zählt vor allem auch die aus Österreich-Ungarn stammende Sowjetagentin Ruth von Mayenburg (1.7.1907 Serbitz/Böhmen-26.6.1993 Wien. Lebt ab 1930 in Wien, Mitglied in sozialistischen Zirkeln. 1932 Ehe mit dem Redakteur der Arbeiter-Zeitung, Ernst Fischer. 1934 Teilnahme am Wiener Februaraufstand, anschließend Flucht über Prag in die Sowjetunion. Bis Februar 1938 Agentin der sowjetischen Militäraufklärung GRU; hält u.a. den Kontakt zur Agentin Helga von Hammerstein. 1941, nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, im Komiternapparat (Deckname: Ruth Wieden) bis 1943, sodann bei der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, Abteilung 7 (Zersetzung), zunächst Fronteinsatz bei der 33. Sowjetarmee, auch Einsatz in diversen Kriegsgefangenenlagern; wirbt bei dieser Gelegenheit den deutschen Feldmarschall Friedrich Paulus im August 1944 für den Bund Deutscher Offiziere an. 1945 Rückkehr nach Österreich, Generalsekretärin der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft. 1966 Austritt aus der KPÖ. Zweite Ehe mit dem konservativen Publizisten Kurt Diemann-Dichl. Tätigkeit als Publizistin und Übersetzerin). Durch den literarischen Kniff der fiktiven Interviews werden dem Leser die Hauptquellen offeriert. Im Falle der Dame Mayenburg erweist sich das als wenig hilfreich, denn auf diese Weise sitzen Autor und Leser der Legende von der Tuchatschewski-Intrige auf, deren Inhalt es ist, dass das von Stalin angeordnete Todesurteil gegen den Sowjetmarschall Michail Tuchatschewski auf einer genialen Täuschungsoperation beruhte, deren Macher der Chef des SS-Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich war. Dergleichen lässt sich heute kaum noch in dieser Schlichtheit vertreten. Manches andere aus dem Mayenburg-Schatz auch nicht. Doch zurück zu der Hauptperson. Zu den Thesen des Autors gehört es, dass Hammerstein beim drohenden Machtantritt Hitlers nicht mit Waffengewalt eingriff, da er einen Bürgerkrieg vermeiden wollte. Das ist eine schwache These, die nur deshalb ganz gut durch das ganze Buch trägt, weil es andere Aspekte aus Hammersteins Leben völlig ausblendet. Zum Beispiel diesen hier: Nur ein halbes Jahr zuvor hatte der damalige Reichskanzler Franz von Papen den sog. Preußenschlag durchgeführt. Hierbei ging es darum, nach einer Wahl im größten und bevölkerungsreichsten Land des Deutschen Reiches das Vakuum vor der Bildung einer neuen Koalitionsregierung zu nutzen und im Wegen der Reichsexekutive im angeblichen Notstandsgebiet Preußen die Macht an sich zu reißen. Dieser Staatsstreich von oben war nur möglich, weil sich Papen auf die in Berlin aufmarschierende Reichswehr des Hunderttausendmann-Heeres stützen konnte. Dieser Aufmarsch war zur Einschüchterung bitter nötig, denn auf der anderen Seite standen über fünfzigtausend Mann einer im Straßenkampf erprobten preußischen Polizei unter einem sozialdemokratischen Innenminister. Die SPDler kniffen bekanntlich und traten kampflos ab; so blieb der Preußenschlag unblutig. Damit das nicht in Vergessenheit gerät: Das alles konnte nur gelingen, weil der Chef der Heeresleitung, eben jener Hammerstein, den Befehl zum Aufmarsch der Truppen erteilt hatte. Er hatte offenbar keinerlei Bedenken, Deutschland in einen Bürgerkrieg zu stürzen, wenn ..., ja wenn er nur den Befehl dazu erhielt. Mit diesem Detail lässt sich die Schwäche des Buches gut illustrieren. Das Eindampfen einer Biografie auf Einzelaspekte birgt die Gefahr der Fehlbeurteilung eines Lebenslaufes. Zum Kolorit dessen ist vor allem auf die Abwesenheit des Militärischen und des dazu gehörige Denkens und Handelns hinzuweisen - ein erstaunlicher Befund bei der Beschreibung eines preußischen Generals, der aus einer Clique von um die Fünfzigjährigen stammte, die sich am Anfang der 1930er Jahre an die Spitze von Armee und Regierung gekämpft hatten, unter diesen Leute wie die 1934 von den Nazis ermordeten Generale Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow sowie der Oberst Eugen Ott. Vom Letztgenannten enthält das Buch (S. 158) angeblich ein Foto; doch der Abgebildete ist ein anderer, ein Namensvetter. Einem Kenner der Uniformen der deutschen Wehrmacht wäre das aufgefallen. Andere Fehler mögen nur noch Spezialisten aufstoßen, z.B. im tabellarischen Lebenslauf auf S. 13: 1918 Ia im Generalstab des Generalkommandos", recte: Generalkommando 65. Wer also war Hammerstein? Ein Karriereoffizier, mit leicht schnoddrig berlinerndem Kasinoton, von vermutlich geringer Allgemeinbildung (wie in diesen Kreisen leider üblich), doch durchgebildet in der Schule des preußischen Generalstabs, in dem der Satz galt: Besser ein falscher Entschluss als gar keiner. Und so übten die angehenden Generalstäbler das bis zum Erbrechen: Beurteilung der Lage und Entschluss. Hammerstein war sicher klug genug, um später seine Fehlbeurteilung der Lage im Januar 1933 zu erkennen. Vermutlich war er im Sommer des Folgejahres so weit, als seine Generalskameraden Schleicher und Bredow beim sog. Röhm-Putsch ermordet wurden. Warum war er nicht unter den Opfern? Dafür muss man sich die Brille der Mörder aufsetzen. Sie hielten ihn als Gegner nicht für bedeutend genug. Hammerstein war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem knappen halben Jahr im selbst erbetenen Ruhestand. Er hatte diesen Weg gewählt, weil, wie der Historiker Walter Görlitz in den 1950er Jahren schrieb, Hammerstein kein Mann systematischer Schreibtischarbeit war, eine Arbeit, die angesichts der Heeresvermehrung, die von Hitler verordnet worden war, jetzt unaufschiebbar auf dem militärpolitischen Programm stand. Es mag zutreffen, dass Hammerstein nach den Morden vom Sommer 1934 erkannte, was die Stunde geschlagen hatte, doch das ist etwas ganz anderes als die Kette von Fehlbeurteilungen des Jahres 1933, die in ihm schließlich den Entschluss reifen ließen, die Schreibtischfron mit der Hasenjagd zu tauschen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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