Das Buch stellt den Versuch dar, Aspekte der Biografie des Reichswehrgenerals Kurt von Hammerstein-Equord (1878-1943) in den Griff zu nehmen. Der Autor legt den Schwerpunkt auf das Handeln bzw. Nichtstun des Generals, der zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers Chef der Heeresleitung war, also der oberste Soldat des Heeres. Daneben spielen vor allem die drei ältesten Töchter eine Rolle, nämlich als sowjetische Agentinnen in der fraglichen kurzen Zeit. Hierdurch geraten auch deren Liebhaber aus der KPD und dem Parteigeheimdienst M-Apparat (richtiger jedoch in dieser Zeit: AM-Apparat) mit in den Blick. Die Töchter spionierten zugunsten der Sowjetunion im Schreibtisch ihres Vaters und belauschten die denkwürdige Rede, die der soeben zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler im Esszimmer der Familie vor der geladenen Reichswehrspitze am 3. Februar 1933 hielt.
Die Darstellung schwankt zwischen Schilderung und eingestreuten fiktiven Interviews des Autors mit den Protagonisten. Dazu zählt vor allem auch die aus Österreich-Ungarn stammende Sowjetagentin Ruth von Mayenburg (1.7.1907 Serbitz/Böhmen-26.6.1993 Wien. Lebt ab 1930 in Wien, Mitglied in sozialistischen Zirkeln. 1932 Ehe mit dem Redakteur der Arbeiter-Zeitung, Ernst Fischer. 1934 Teilnahme am Wiener Februaraufstand, anschließend Flucht über Prag in die Sowjetunion. Bis Februar 1938 Agentin der sowjetischen Militäraufklärung GRU; hält u.a. den Kontakt zur Agentin Helga von Hammerstein. 1941, nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, im Komiternapparat (Deckname: Ruth Wieden) bis 1943, sodann bei der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, Abteilung 7 (Zersetzung), zunächst Fronteinsatz bei der 33. Sowjetarmee, auch Einsatz in diversen Kriegsgefangenenlagern; wirbt bei dieser Gelegenheit den deutschen Feldmarschall Friedrich Paulus im August 1944 für den Bund Deutscher Offiziere an. 1945 Rückkehr nach Österreich, Generalsekretärin der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft. 1966 Austritt aus der KPÖ. Zweite Ehe mit dem konservativen Publizisten Kurt Diemann-Dichl. Tätigkeit als Publizistin und Übersetzerin).
Durch den literarischen Kniff der fiktiven Interviews werden dem Leser die Hauptquellen offeriert. Im Falle der Dame Mayenburg erweist sich das als wenig hilfreich, denn auf diese Weise sitzen Autor und Leser der Legende von der Tuchatschewski-Intrige auf, deren Inhalt es ist, dass das von Stalin angeordnete Todesurteil gegen den Sowjetmarschall Michail Tuchatschewski auf einer genialen Täuschungsoperation beruhte, deren Macher der Chef des SS-Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich war. Dergleichen lässt sich heute kaum noch in dieser Schlichtheit vertreten. Manches andere aus dem Mayenburg-Schatz auch nicht.
Doch zurück zu der Hauptperson. Zu den Thesen des Autors gehört es, dass Hammerstein beim drohenden Machtantritt Hitlers nicht mit Waffengewalt eingriff, da er einen Bürgerkrieg vermeiden wollte. Das ist eine schwache These, die nur deshalb ganz gut durch das ganze Buch trägt, weil es andere Aspekte aus Hammersteins Leben völlig ausblendet. Zum Beispiel diesen hier: Nur ein halbes Jahr zuvor hatte der damalige Reichskanzler Franz von Papen den sog. Preußenschlag durchgeführt. Hierbei ging es darum, nach einer Wahl im größten und bevölkerungsreichsten Land des Deutschen Reiches das Vakuum vor der Bildung einer neuen Koalitionsregierung zu nutzen und im Wegen der Reichsexekutive im angeblichen Notstandsgebiet Preußen die Macht an sich zu reißen. Dieser Staatsstreich von oben war nur möglich, weil sich Papen auf die in Berlin aufmarschierende Reichswehr des Hunderttausendmann-Heeres stützen konnte. Dieser Aufmarsch war zur Einschüchterung bitter nötig, denn auf der anderen Seite standen über fünfzigtausend Mann einer im Straßenkampf erprobten preußischen Polizei unter einem sozialdemokratischen Innenminister. Die SPDler kniffen bekanntlich und traten kampflos ab; so blieb der Preußenschlag unblutig. Damit das nicht in Vergessenheit gerät: Das alles konnte nur gelingen, weil der Chef der Heeresleitung, eben jener Hammerstein, den Befehl zum Aufmarsch der Truppen erteilt hatte. Er hatte offenbar keinerlei Bedenken, Deutschland in einen Bürgerkrieg zu stürzen, wenn ..., ja wenn er nur den Befehl dazu erhielt.
Mit diesem Detail lässt sich die Schwäche des Buches gut illustrieren. Das Eindampfen einer Biografie auf Einzelaspekte birgt die Gefahr der Fehlbeurteilung eines Lebenslaufes. Zum Kolorit dessen ist vor allem auf die Abwesenheit des Militärischen und des dazu gehörige Denkens und Handelns hinzuweisen - ein erstaunlicher Befund bei der Beschreibung eines preußischen Generals, der aus einer Clique von um die Fünfzigjährigen stammte, die sich am Anfang der 1930er Jahre an die Spitze von Armee und Regierung gekämpft hatten, unter diesen Leute wie die 1934 von den Nazis ermordeten Generale Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow sowie der Oberst Eugen Ott. Vom Letztgenannten enthält das Buch (S. 158) angeblich ein Foto; doch der Abgebildete ist ein anderer, ein Namensvetter. Einem Kenner der Uniformen der deutschen Wehrmacht wäre das aufgefallen. Andere Fehler mögen nur noch Spezialisten aufstoßen, z.B. im tabellarischen Lebenslauf auf S. 13: 1918 Ia im Generalstab des Generalkommandos", recte: Generalkommando 65.
Wer also war Hammerstein? Ein Karriereoffizier, mit leicht schnoddrig berlinerndem Kasinoton, von vermutlich geringer Allgemeinbildung (wie in diesen Kreisen leider üblich), doch durchgebildet in der Schule des preußischen Generalstabs, in dem der Satz galt: Besser ein falscher Entschluss als gar keiner. Und so übten die angehenden Generalstäbler das bis zum Erbrechen: Beurteilung der Lage und Entschluss. Hammerstein war sicher klug genug, um später seine Fehlbeurteilung der Lage im Januar 1933 zu erkennen. Vermutlich war er im Sommer des Folgejahres so weit, als seine Generalskameraden Schleicher und Bredow beim sog. Röhm-Putsch ermordet wurden. Warum war er nicht unter den Opfern? Dafür muss man sich die Brille der Mörder aufsetzen. Sie hielten ihn als Gegner nicht für bedeutend genug. Hammerstein war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem knappen halben Jahr im selbst erbetenen Ruhestand. Er hatte diesen Weg gewählt, weil, wie der Historiker Walter Görlitz in den 1950er Jahren schrieb, Hammerstein kein Mann systematischer Schreibtischarbeit war, eine Arbeit, die angesichts der Heeresvermehrung, die von Hitler verordnet worden war, jetzt unaufschiebbar auf dem militärpolitischen Programm stand. Es mag zutreffen, dass Hammerstein nach den Morden vom Sommer 1934 erkannte, was die Stunde geschlagen hatte, doch das ist etwas ganz anderes als die Kette von Fehlbeurteilungen des Jahres 1933, die in ihm schließlich den Entschluss reifen ließen, die Schreibtischfron mit der Hasenjagd zu tauschen.