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Yasmina Rezas «Hammerklavier»
Erfolgreiche Autoren haben es schwer. Wir verwöhnten Leser legen sie gern fest auf ein Thema, einen Stil, ein Genre, eine Masche. Yasmina Reza ist die Autorin des weltweit erfolgreichen Theaterstücks «Art», das Paradebeispiel eines «well-made play»: skurrile Typen, pfiffige Dialoge, seelische Abgründe. Die Anführungszeichen um den Begriff «Kunst» rufen urkonservative Affekte auf, ironisieren clever das bürgerliche Dilemma zwischen dem Wunsch, Kunst zu quantifizieren (zu erwerben), und dem schieren Unverständnis gegenüber den Provokationen der Moderne. Der Standort der Autorin ist dabei nicht recht auszumachen, aber das Stück selbst ist auf Anhieb plausibel und unterscheidet sich darin von der Sorte Kunst, über die es verhandelt.
Der nun vorliegende erste Erzählband der erfolgreichen Dramatikerin spiegelt wenig wider von der scharf kalkulierten, wirkungssicheren Fröhlichkeit des Bühnenstücks. Zu lachen gibt es wenig, und staunen darf man allenfalls über die Kaltschnäuzigkeit, mit der hier eine Sammlung von Gelegenheitsarbeiten mittels eines emphatischen Gattungsbegriffs zu einer ganz neuartigen Kunstform veredelt wird. «Eine Sonate» nennt sich der Band in einem Anfall erfolgsverwöhnten Grössenwahns im Untertitel, als wäre das nicht eine besonders strenge musikalische Gattung, während «Hammerklavier» in Wahrheit nichts anderes darstellt als eine Art Tagebuch: locker aneinandergefügte Episoden aus dem Alltag der Verfasserin, Erinnerungen an ihren verstorbenen Vater oder an eine Agentin schwankend zwischen Rührseligkeit und Humor, vage verbunden durch das sehr dehnbare Thema «Zeit». «Was habe ich, wenn ich ehrlich bin, anderes getan, als mein Leben dem Ereignis entgegenzuschleudern? Dass die Dinge geschehen, dass die Stunden stürmisch vergehen, dass tönt, was tönen muss, dass die Zeit, meine engste Feindin, die Zeit vergeht, ohne dass ich sie vergehen sehe.»
Vielleicht hätte der Übersetzer (Eugen Helmlé) das Pathos solcher Bekenntnisse und Floskeln («wenn ich ehrlich bin» wer wollte es denn bezweifeln?) abmildern sollen; es hätte nichts daran geändert, dass der Narzissmus, mit dem die Autorin sich selbst als Hauptperson ihrer Prosa installiert, in dem Augenblick befremdet, da das Tagebuch nicht als solches ausgewiesen ist, sondern, zum Beispiel, als «Sonate». Hier erwartet der Leser nicht in erster Linie, eine intime Bekanntschaft mit der unverpuppt und unvermummt auftretenden Autorin zu schliessen, sondern jenen Kunstverstand und -ehrgeiz, der «Kunst» auszeichnet. Und er fragt sich, woran es wohl liegt, dass in «Hammerklavier» selbst markantere Episoden literarisch matt bleiben; etwa dort, wo das jüdische Kind das Kreuzzeichen schlägt: «In allen normalen Geschichten, bei der Comtesse de Ségur oder in den Märchen der Brüder Grimm, beteten die braven Kinder so, wie ich es gerade getan hatte. Alle sahen das sehr positiv.» Der arglose Witz dieser Bemerkung, der mit der scharfen Rüge der Mutter kontrastiert, wird sogleich unter einem Wust von Kommentaren und Selbsterklärungen begraben. Als Dramatikerin hat Yasmina Reza reüssiert, weil sie aus minimalen Anlässen abenteuerliche Wirkungen und eine beträchtliche Komik hervorzutreiben versteht. Ihre Prosa hat einen ähnlichen Verzauberungseffekt schnöde verweigert.
Martin Krumbholz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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