Franco Zeffirelli hat 1990 Hamlet mit Mel Gibson in der Hauptrolle inszeniert. Ich sah gerade mal wieder im recht kurzen Abstand die mir bekannten 4 Verfilmungen an und für mich hat sich diese hier noch immer als die Beste bestätigt. Zeffirellis Hamlet ist nicht ganz ausgereift? Mag sein, dass dies sozusagen Hamlet "Light" ist. Mag sein, dass Mel Gibsons schauspielerische Interpretation nicht sehr komplex ist. Er gibt einen eher einfachen Hamlet, der dadurch aber auch klarer und fassbarer wird. Und auch wenn sein Duktus nicht immer stimmt und er nur ein schnöder Australier ist, egal, das Gefühl ist da und er gleicht mangelnden Sprachrhythmus mit Natürlichkeit aus.
Der Film wartet mit einer glänzenden Glen Close (Gefährliche Liebschaften) als Hamlets Mutter Gertrude auf, die es schafft deren wichtigen Charakter auszubauen und deren starken Emotionen herzzerreißend heraustreten zu lassen. Hier gibt es auch die beste Ophelia ever: Helena Bonham-Carter (Zimmer mit Aussicht) spielt diese mit ihrem mädchenhaften Mittelalter-Gesicht so naiv und konfus wie man sich Ophelia eben vorstellt. *schwärm* Ian Holm (Alien) als extrem klug-durchgeknallter Polonius, der mordende Onkel Claudius vertraulich-fies gespielt vom Alan Bates (Alexis Sorbas), Hamlet Senior bzw. der Geist wird ehrwürdig vom großen Mimen des britischen Theaters Paul Scofield gegeben, der Totengräber... ach, allesamt sind sie genial und zielgenau getroffen. Die düster-schönen Bilder bilden den dänischen Königshof so ab, wie ich ihn mir gerne vorstelle auch wenn Helsingör hier hügelig ist. ;-) Der Film bietet keine aufregende Neuinterpretation des alten Shakespeare Stoffes, sondern bleibt, auch sprachlich, ganz nah dran am Original. Mit Action wird nicht gespart, dazu lädt der Stoff ja auch ein.
Mag man doch nun Mel Gibson vorwerfen was man will: Ein auf Action spezialisierter und Gewaltorgien feiernder Mad Max; oder ein alkoholkranker, antisemitischer und homophober Fundamentalist. Mag alles richtig sein, aber egal, er kommt meiner persönlichen Interpretation vom MAN IN BLACK der Weltliteratur am nächsten. Auch wenn Gibson, ebenso wie die meisten anderen Hamlet-Akteure vor ihm, auf die 40 zugeht und somit schon zu alt für den ca. auf das Alter von 25 Jahren angelegten Charakters ist, hat er den richtigen Nerv, meiner Empfindung nach, am sensibelsten und nuancenreichsten getroffen.
Shakespeare Fetischist Keneth Branagh, den ich sehr schätze, hat mit seinem
ungekürzten! Hamlet bestimmt ein sehr bewundernswertes Stück Kino geschaffen und als Regisseur und Hauptdarsteller endlich seinen großen Traum einer eigenen Interpretation erfüllt und die Creme de la Creme der Schauspieler ins Boot geholt und dazu noch ein kristallklares auf 65 mm königlich glänzendes 19. Jh. Bild gezaubert. Mir persönlich ist Zeffirellis verrauchte, abgefu*kte Mittelalter-Burg im Dämmerlicht lieber.
Branagh erscheint mir ehrlich gesagt manchmal einfach zu bemüht und zu hektisch. Es mag immer wieder goldrichtig sein, wie er wütet, spottet, schreit und nervt. Aber die dunkle Seite fehlt mir. Wo ist die Depression, der echte Wahnsinn, der zwischendurch hervortritt, die tiefe Traurigkeit und Melancholie, die ihn zaudern, zweifeln und verzweifeln lassen? Für mich hätte Branagh mehr innehalten, zwischen drin auch mal langsamer werden und vor allem mal Pausen einlegen müssen. Ich denke aber auch, dass es vor allem Geschmackssache ist und mehr noch eine Sache wie man diesen Hamlet-Typ überhaupt wahrnimmt. Jedenfalls schafft Mel Gibson diesen Spagat zwischen Wut und Niedergeschlagenheit und seine Augen können perfekt den aufgesetzten Wahnsinn ausdrücken und den Schmerz dahinter. Und zwischendurch lässt er durch die Wimpern auch mal den echten Wahnsinn durchblitzen. So macht's Spaß!
Hat man überhaupt immer die Zeit und die Lust sich Hamlet über 4 Stunden ungekürzt zu geben? Ich finde die Schnitte und Umstellungen in der 130 minütigen Zeffirelli Fassung annehmbar. Shakespeare für alle!
Ja klar, es gibt natürlich noch Altmeister
Laurence Olivier, der ihn 1948 mimte. Bei allem Verdienst, mir isser bissl zu deklamierend und zu blond. Die ganze Fassung wirkte auf mich im Vergleich etwas angestaubt und theaterhaft, was nicht unbedingt ein Makel sein muss, aber mich etwas zurückhält. Und
Ethahn Hawke passt endlich mal vom Alter her und lieferte 1999 einen optisch passgenauen Hamlet ab, dessen Traurigkeit und Abgespaltenheit von der Welt gut rüber kommt. Mir ist diese Adaption, die im heutigen New York spielt, aber viel zu oberflächlich und hat deutlich zu wenig Pfeffer und Substanz. Aber mal ein erfrischender neuer Blickwinkel, warum nicht?
Bleibt Zeffirellis Hamlet.
Für mich persönlich ist dieser der Beste, der bisher auf die Leinwand gebannt wurde. Muss ja nicht so bleiben, oder? ;-)
Möge man mir verzeihen, dass ich hier meine völlig unbedeutende und nichtakademische Laienmeinung zum Besten gebe. ;-)
Da ich außer den 4 genannten keine Verfilmung kenne bin ich für jeden Tipp oder Kommentar sehr dankbar!
Hamlet
Regie: Franco Zeffirelli
130 Min
1990 gedreht in wunderschönen düsteren Bildern, teilweise in natürlichen Kulissen in Schottland und England an der Steilküste.
Die DVD ist sehr gut geraten. Die Synchro ist top, man kann aber auch den Film im Original englisch mit/ohne englischen/deutschen Untertitel sehen. Sie verfügt auch über ein wirklich gelungenes, unterhaltsames und fast einstündiges "Making Of", welches durchaus auch einen kritischen Blick auf die Dreharbeiten zurückwirft und in den fast alle Darsteller zu Wort kommen.
Zeffirelli ist bekannt durch sein zahlreichen Shakespeare Adaptionen darunter das legendäre
Romeo und Julia. Auch mit Opernverfilmungen hat er sich einen Namen gemacht. z. B.
Otello . Sogar eine
Jane Eyre geht auf sein Konto.