Ob Deutschlands erster Drei-Sterne-Koch ein "Hamlet am Herd" war und ist, weiß ich auch nach der Lektüre dieser großartigen Biographie nicht. Dazu strahlt Eckart Witzigmann zu gern und zu überzeugend, aber: Vom Titel abgesehen brachte Eva Gesine Baur ein Kunstwerk erster Klasse zustande:
Sie hat erstens gezeigt, dass Kochen tatsächlich zu den großen Künsten gehört - wenn jemand angeborene Kreativität mit absoluter Hingabe verbindet, handwerkliches Können mit immensem Arbeitseinsatz und einem Schuß Genialität.
Sie schrieb, zweitens, das Psychogramm eines typischen Mann aus der 68-er Generationen, der zwar nicht auf der Straße rebellierte, aber in der Küche alles neu und anders machte als der Mehrheits-Kollege; ein Fundamentalist der Qualität und später auch einer, der sich anpasste an die Rituale der Schönen und Reichen, die ihn umschwärmten.
Die Autorin lässt, drittens, mit der Biographie des genialen Kochs Witzigmann seine Epoche, die letzten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts lebendig werden - den Hunger der Spaßgesellschaft nach Events, die ebenso gut von Genies geliefert werden konnten wie von den Eintagsfliegen der Boulevard-Presse, ihre Lust am Jubel wie am Skandal.
Damit verwandelt sich der "Hamlet am Herd" vom Individualisten zum Prototypen, und seine Biographie wird durch Eva Gesine Baurs adäquates literarisches Können einen ähnlichen Ewigkeitswert bekommen wie Witzigmanns Rezepte: im Moment des Genießens eine besondere Freude, im Wiederholungsfall ein historisches Zeugnis, das über seine Zeit hinaus wichtig und interessant bleibt.