Es ist das Jahr der Wende, die Mauer ist gefallen und der Osten ist offen. Ein historisches Jahr für Deutschland und Europa, das Walter Kempowski in seinem Tagebuch in gewohnter Weise festhält: Man erfährt vieles über sein Privatleben, seine Ehe, seine Gäste, seine Familie. Ausserdem erlebt man ihn in seinen Eitelkeiten und Empfindlichkeiten- manchmal leicht in Larmoyanz abdriftend- aber immer noch rechtzeitig in Selbsterkenntnis abbremsend: "Das ist ja nun bei mir irgendwie mackenhaft"...Auch seine Zeit "Im Block", die zwar schon lange her ist, aber innerlich wohl nie ganz zu verarbeiten sein wird, kommt durch seine Besuche in Bautzen noch einmal zur Sprache.
Seine Besuche in der Heimatstadt Rostock und auch im ehemaligen Zuchthaus Bautzen werden eher nüchtern und sachlich beschrieben, da lässt er sich nicht so sehr in die Seele blicken. Eigentlich kommt die Erkenntnis erst mit seinem letzten Eintrag, am Schluss des Buches.
Die Sprüche bzw. Sprichwörter, die den Einträgen vorangestellt sind, sind, dialektisch bedingt, trotz großer Bemühungen,leider nicht immer verständlich. Sehr gut ergänzend hingegen seine eingefügten Schwarzweiss-Fotos.
Alles in Allem für Kempowski-Fans wieder ein Hochgenuss in seinem unnachahmlichen einmaligen Schreibstil. Und für alle anderen ein wichtiges, wenn auch sehr subjektives Zeitdokoment.