"Die Welt, wie ich sie mir denke, ist eine ebenso natürliche Welt, und es mag an der Vorsehung allein wohl nicht liegen, dass sie nicht ebenso wirklich ist". (Lessing am 8.8.1778) Und weiter: "Nathans Gesinnung ist schon immer meine gewesen, [...] der nicht jede geoffenbarte Religion, nicht jede ganz verwirft. [...] Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird". Lessings (1729-1781) Ringparabel ist ein bedeutsames Beispiel, sich über die Konvention hinwegzusetzen und über den Trialog zu verdeutlichen, was einer jeden monotheistischen Religion Humanitäres immanent ist und über diesen Gedanken sie letztendlich zu einer großen Familie zu vereinen.
Fasziniert von Boccacios Decamerone, insbesondere von der dritten Novelle im ersten Buch, hat Lessing schon früh einen ersten Entwurf zum Nathan verfasst. Boccacios Jude Melchisedech und die Wanderfabel der drei Ringe finden sich also nahezu gleich wieder in der hochaktuellen Parabel "Nathan der Weise". Es ist ein dramatisches Gedicht, fünf Aufzüge in Blankversform umfasst es und bestimmte die zukünftige Gestaltung bei Goethen und Schiller. Lessing lässt Verschwiegenes langsam zur Oberfläche treten, folgt damit dem Gestaltungsmuster eines seiner großen Vorbilder: Sophokles tat Gleiches im Ödipus oder der Antigone.
Ort des Geschehens ist die Stadt der Weltreligionen: Jerusalem. Die Kreuzzüge sind in vollem Gange, die Weltreligionen und ihr Kampf um die Vorherrschaft prallen aufeinander. Nathan, ein reicher Geschäftsmann und Jude erfährt, dass seine Tochter vor dem Feuertod gerettet wurde, der Retter, ein Andersgläubiger zum Tod verurteilter wird ebenso gerettet auf Grund einer Ähnlichkeit mit dem Bruder des Sultans, der Richter ist. Zufall und Notwendigkeit des Dramas treffen sich in der Mitte und dort auf die brisante Frage, welche Religion die richtige sei. Aufgeklärter Humanismus wird zur Argumentation, die Fragen des Sultans werden beantwortet mit einem Märchen, welches Schlüsse zulässt, so dass der Sultan sich selbst die Antwort geben kann. Diese Märchen ist eben diese berühmte Ringparabel, entlehnt von Boccacio.
Der Vater verspricht törichterweise seinen drei Söhnen den einzigen Ring, der Dinge und Menschen für den Besitzer wunderhaft begünstigt. Da er sein Versprechen nicht halten, die immanente Lüge darin verstecken muss, lässt er zwei Ringe, wie sie ähnlicher nicht sein können, nachbauen. Dieses fliegt auf, der Streit beginnt. Ein Richter muss entscheiden, der klugerweise, praktisches Handeln als Beweis verlangt. Das anfängliche Bekenntnis "wie viel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist" wird nun im Urteil gefordert: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach". Dieser Richter verweist auf einen zweiten in 1000 Jahren, der aber letztendlich beurteilen wird, wie das Handeln war, der Verweis auf das Jüngste Gericht wird überdeutlich. Damit wird auch deutlich, das Handeln die Maxime dieser Welt ist - ausschließlich im Sinne der Humanität.
Lessing unterstrich mit diesem Stück seine Idee der Umsetzung der Theodizee Leibniz, die Erziehung des Menschengeschlechts ist Wandel der geoffenbarten Wahrheiten in Vernunftwahrheiten. Er selbst wußte um die Brisanz dieses Stückes, seine Aufführung hat er nicht mehr erlebt, nur in der von Schiller gemilderten Fassung 1809. Da er ahnte, was passiert, schrieb er im Jahr der Fertigstellung 1779: "Es kann wohl sein, dass mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung zeigt. Genug, wenn unter 1000 es einer liest und er daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt".
Lessings Nathan gilt noch heute als Beispiel, ideale Forderung und rationale Einsicht mit den Unzulänglichkeiten der Menschen auf höherer Ebene zu verbinden. So ist es sehr verständlich, dass in der aktuellen Diskussion um Monotheismen und "Gottes Eifer" Peter Sloterdijk sein bravouröses Essay an Lessings Parabel orientiert, um den Eifer der Religionen vergangener Tage in den Prozess der Zivilisation zu integrieren.