Dieser Débutroman eines Autors, in einem nicht ganz vorgerückten, aber für Debüts etwas unüblichen Alters, ist gleich an die Spitze der SWR Bestenliste katapultiert
Zum Plot: Der Roman ist vordergründig ein Architekturroman, der jedoch auch hintergründige Szenen aufweist. Über weite Strecken spielt er in der Architektur und der Szene der bildenden Kunst. Der Protagonist Thomas Schwarz ist ausgebildeter Architekt und verdient sein Geld zunächst als Zeichner in einem nicht sehr avantgardistischen Hamburger Architektenbüro. Dann landet er in einem etwas anspruchvolleren Architektenbüro als Communications Direktor, das heißt, er wechselt wie es im Roman wörtlich heißt "auf die andere Seite". Er ist kein Architekt mehr, es ist eine Betätigung in der Veraltung, PR, Interne Firmenkommunikation. Er ist das Hirn dieses Büros. Das endet dann aber auch irgendwann, wobei der Ich-Erzähler ist von einer bisweilen lyrischen Larmoyanz geprägt ist, aber vielleicht liegt das an der Genauigkeit mit der Thomas Schwarz die Welt wahrnimmt, die deshalb Euphorie gar nicht zulässt.
Thomas Schwarz lernt, nachdem er bereits Vater geworden ist, eine bildende Künstlerin, namens Elise Katz kennen. Das Paar kommt nach St. Louis im Bundesstaat Missouri, wo diese Katz eine Beschäftigung findet. Thomas Schwarz geht mit, weil er beruflich möglicherweise in einer Umorientierungsphase steckt und er entschließt sich dort seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Das macht er sehr abgeklärt, ordnet die Stationen seines Lebens in einer immer dichter werdenden, geschickt miteinander verknüpften Form.
Das ist zunächst die Rahmenhandlung, die in den einzelnen Kapiteln immer ineinander geschoben wird. Die norddeutsche Kindheit, die Jugend und das frühe Berufsleben des Thomas Schwarz. Er stammt aus Lüneburg, studiert in Braunschweig und kommt dann in der Tat nach Hamburg, wo er Zeichner wird. Und das pendelt so Hin und Her, die Szenen in St. Louis mit den norddeutschen Szenen.
Im Zentrum steht eine auf Granit gelaufene Freundschaft. Darum herum sind viele voluminöse Liebesgeschichten gruppiert. Symmetrisch, die eine hat mit Musik und die andere mit Installationskunst zu tun. Beides wird ziemlich stark und feinfühlig gegeneinander verhandelt. Es ist hinreißend, nicht nur aus der Ich-Perspektive erzählt, sondern was das Briefe schreiben und Tagebuch protokollieren betrifft, auch aus der dritten Person und das ist alles gegeneinander verschränkt.
Das eine Problem kommt aus Lüneburg, eine bundesdeutsche Wirklichkeit, die in die weite Welt,in das Weltgeschehen geworfen wird, die sich aber nie irgendwo über dieses Weltgeschehen triumphierend erhebt, wie in diesem Buch und das macht richtig die Spannung aus. Am Ende landet das Pärchen in St. Louis und dann bricht der Roman, ich will nicht sagen unvermittelt, aber doch mit einem offenen Ende ab.
Das andere Problem ist in Hamburg beheimatet, auch wenn es aus St. Louis gespiegelt wird.
Aus dem energetischen Zentrum des Buches gehen diese beiden ausgreifenden Bewegungen hervor, einmal die nach Hamburg in die Vergangenheit aber auch die, in der Gegenwart in St. Louis, sie greifen spielend ineinander.
Da, wo der Protagonist sich als Architekturleiter ganz zurücknimmt, da kommentiert er, als kluger Mensch voller Zynismus, was in dieser Welt passiert. Er bezeichnet sich als falschen Verlierer, der nicht zu den Gewinnern dieses Spiels gehört. Er, durch den drei Jahrzehnte deutscher Geschichte hindurch laufen, wobei alles durch ein mittleres Bewusstsein gefiltert wird, ist fast ein Mann ganz ohne Eigenschaften. Elise, die auf einem schmalen Grat montiert ist, wird dagegen als eine Art "Preußin des Kunstbetriebes" geschildert. Das hat der Autor dadurch geschafft, weil er alles mit Kunst, Architektur und Designergeschichten voll gestopft hat. Die Architekten befassen sich mit der physischen Welt und deshalb sind sie so beeindruckt und beeinflussbar von der physischen Welt.
Es ist ein Generationenroman, eines zu sich selbst findenden Menschen, kein politischer Roman, weil keine spektakulär politischen Situationen vorkommen. Vielleicht ist es auch ein Bildungsroman, denn die Bildungsromananfrage lautetet, wie ist Tom Schwarz der geworden, der er geworden ist? Neben Entwicklungs- und Bildungsroman ist es vielleicht in erster Linie ein Gesellschaftsroman, weil er äußerst präzise eine Epoche, nämlich die "Achtzigerjahre", in einer sehr genau kenntlich gemachten Gesellschaft beschreibt.
Ein sehr lesenwertes Buch, atmosphärisch dicht geschrieben, mit einer zauberhaften Sicherheit und wunderbaren, beschwingten Stimmigkeit, an dem eigentlich jeder Leser seine Freude haben müsste.