Deerhunter markieren mit "Halcyon Digest" (das Amazon übrigens lustigerweise falsch schreibt) ihr neues Album, und was sich mit Leader Bradford Cox' Soloprojekt Atlas Sound angekündigt hatte, findet Einzug in seine Hauptband: Ein Album wie ein Kaleidoscop, das sich ständig selbst rezitiert, experimentelle und eingängige Tracks schlau vermischt und einfach ein wunderbares Ganzes ergibt: "Halcyon Digest" ist eine Platte für aufmerksame Hörer und wer sich in den Deerhunter-Kosmos stürzt, der wird ordentlich belohnt.
So eröffnet "Earthquake" erstmal nur langsam die Platte, baut einen Beat auf, der sich selbst ständig erweitert und süchtig macht. Dahinter entfalten sich Gitarrenechos so flüssig wie Wasser. Zusammen mit Cox' hin- und herwabenden Stimme ergibt das ein schönes Gesamtkonstrukt, das sich athmosphärisch ums Ohr legt. Der Song könnte gut zehn Minuten so weitergehen, jedoch folgt nach fünf Minuten "Don't Cry". Hier sind die Lyrics schon etwas besser verständlich: Cox versprüht erstmal ein paar Prisen Hoffnung, die die schrammigen Gitarren irgendwie konterkarieren. Kurz und intensiv gestaltet sich der Track, der gediegen ausklingt. Dann weiß man spätestens nach "Revival", dass man einfach nur eine tolle Platte hört: Fröhliche Melodien und Hooks schmiegen sich im Stile eines herkömmlichen Indiesongs an den gut gelaunten Gesang. Aber natürlich schaffen Deerhunter auch hier, dass das Ganze sich innovativ gibt. Und spätestens, wenn ungefähr bei der Hälfte des Songs die Gitarren isoliert singen, hat man sich in den kleinen Song verliebt.
"Sailing" geht dann wieder einen Gang zurück, ohne, dass der Gesamteindruck Schaden nimmt. Er verfestigt sich nur weiter. Bei "Memory Boy" begleitet eine Harmonika den tollen Rocksong, bei "Desire Lines" fühlt man sich in eine Alternativversion von Arcade Fires "Rebellion(Lies)" geworfen, ehe Cox den Song umschmeißt und uns an Deerhunter erinnert. Im Mittelpart sprechen die Instrumente für sich, man verliert sich im Loop. Nach diesem Song hat der Hörer schon eine musikalische Bandbreite erlebt, die andere Bands in ihrer ganzen Karriere nicht Zustande bringen. Und dann folgen sogar noch einige Highlights.
"Helicopter" verzaubert mit seinen 'auquatischen' Sounds, die dezent im Hintergrund den bittersüßen Gesang Bradford Cox' unterstützen. Wenn sich der Sound später verdichtet und der Song sich vollends entfaltet, muss es spätestens 'Klick!' machen: Diese Platte ist ein ganz großes Ding.
In "Coronado" wagen es Deerhunter tatsächlich, das gute alte Saxophon heranzuziehen und es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert. "He Would Have Laughed" ist dann ein Abgesang auf den im Frühjahr verstorbenen Jay Reatard. Eigentlich erwartet man bei Deerhunter dann Zurückhaltung, so wie das bei Tributsongs üblich ist. Stattdessen entfalten sich in satten sieben Minuten alle Aspekte, die "Halcyon Digest" so attraktiv machen: Singende Gitarren, wohltemperierte Soundschichten, bissige Lyrics und ein vielseitig begabter Bradford Cox - dann bricht der Song irgendwann ab, so wie Jay Reatards Leben einfach abbrach. Der Hörer muss das zu dem Zeitpunkt realisieren und das ist dann die Stelle, an der man nur noch leise flüstert:
"Wow".
In diesem Jahr ist "Halcyon Digest" ein sicheres Highlight und ein Plichtkauf sowohl für anspruchsvolle Hörer als auch für Indie-Begeisterte. Deerhunter fügen dem reichhaltigen Jahr 2010 eine weitere Wahnsinnsplatte hinzu.
9,5/10