Vor kurzem ist Wolfgang Niedecken 60 Jahre alt geworden. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft alternder Rockstars und Helden einer ganzen Generation. Nun ist es oft so, dass viele dieser Altstars heute maximal noch ein peinliches Abziehbild einstigen Ruhms sind, der immer und immer wieder hochgewürgt wird. Ganz anders jedoch BAP und Wolfgang Niedecken. Die Band und er sind gemeinsam älter geworden, und es wirkt auf mich, dass sie dazu auch stehen und keine krampfhaften Versuche unternehmen, uns hier noch irgendeinen Jugendwahn zu präsentieren. Wolfgang als das verbliebende Gründungsmitglied verkörpert in der Band wie kein anderer diesen Prozess des Älterwerdens, was sich insbesondere in seinen Texten niederschlägt. Früher war er auch gerne mal bissig bis beißend, aber daher auch einseitig in mancher Sichtweise zur jeweiligen aktuellen Tagespolitik, während er heute offensichtlich weitaus weltoffener, entspannter, oft zurückschauend die Dinge des Lebens betrachtet, jedoch ohne dass er verleugnet, wo er her kommt.
Gerade diese Rückschau ist auf dem neuen Album sehr deutlich vertreten. Aber das Schöne ist, er hadert nicht, alles ist mit Augenzwinkern und der Fähigkeit zur Selbstreflexion dargestellt. Diese Fähigkeit, so mein Eindruck, kam früher nicht immer zum Vorschein. Man könnte meinen, er sieht heute alles "halv su wild", aber ich glaube, so sollte man ihn nicht verstehen wollen. Einer, der in seinem Leben immer so deutlich Stellung bezogen hat wie Wolfgang Niedecken, wird dieses auch weiterhin tun. Das Thema Atomkraft war immer aktuell und wird es auch künftig bleiben. Das Album war vor Japan fertig und blieb ohne diesen Einfuss. Aber Wolfgang Niedecken wäre nicht er selbst, wenn er darin nicht seine unerschütterliche Haltung in diesem Thema bestätigt sehen würde, obwohl er dazu eines solchen Beispiels nicht bedarf und es lieber ungeschehen sähe.
Musikalisch ist aus meiner Sicht das Album ebenso entspannt, aber nicht im Sinne langweiliger Musik für alte Männer, sondern mit viel Rock, der mächtig Dampf hat. Das Schöne ist auch hier, dass das alles nicht verkrampft daher kommt, sondern schön locker ohne irgendwelche Versuche, einen der alten Tophits zu wiederholen. Die Platte klingt so, als hätten die Musiker alle nur gemacht, woaruf sie gerade Bock hatten. Dazu passt dann direkt der Titeltrack als Opener, der einem indirekt sagt, nimm´s mit Humor und nicht so Ernst und höre das Album genau unter diesem Motto, dann wird´s Dir gefallen. Somit nimmt man auch den x-ten Aufguss der Autobahn gelassen, der musikalisch flott daherkommt und inhaltlich auch eine Menge Rückschau beinhaltet, quasi, wie sich für die Band BAP das Autobahnnetz immer weiter ausgedehnt hat.
Keine Droppe mieh ist dann einer meiner ersten persönlichen Favoriten. Knackiges Riff und ein Song der etwas härteren Gangart. Die eine oder andere Hommage an seine Heimatstadt findet sich auch auf dem Album. Chlodwigplatz ist eine Reggaenummer, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, aber für eine schöne Abwechslung sorgt. Witziger finde ich natürlich Verjess Babylon. Ähnlich im Stile von Ruut-Wieß-Blau wird hier biblische Geschichte umgeschrieben oder besser vielleicht auf kölsch richtig gestellt. Insgesamt thematisch eine verschlungene Nummer über sprachliche Vielfalt, aber dann mit der Erkenntnis, dass die göttliche Sprache kölsch ist. Der Major mochte diese Art von vertonten Geschichten musikalisch nicht, weswegen es vielleicht nach dem Müsliman etwas Vergleichbares nicht mehr gab. Ich muss da jetzt auch keine ganze Platte von haben, aber als Farbtupfer in einem Gesamtkontext gerne.
Mein persönlicher Libelingssong des neuen Albums ist neben Keine Droppe mieh der Song Noh all dänne Johre. Dieser Song ist ebenfalls eine Art Rückschau, in der der Protagonist feststellt, dass ihn die Zeit und Erfahrung gelassener haben werden lassen. Das passt gut zu den Eingangsfeststellungen. Ebenfalls eine Art Rückblick sind all die Aurenblicke und der kurze Rockstampfer Karl-Heinz.
Im Gesamtbild konnten die beiden Stücke Immerhin und Niemohls irgendwie ins Hintertreffen geraten, was sehr zu Unrecht wäre. Beide sind musikalisch zwei Perlen geworden. Waat ens jraad ist ein sehr persönlicher Moment auf dem Album, vollkommen kitschfrei.
Bleibt mir nur noch zwei weitere meiner Favoriten zu beschreiben. Un donoh iss der Karneval vorbei ist ein kleines aber deutliches Pladoyer für mehr Toleranz uund Aufmerksamkeit. Waröm dunn ... ist zwar irgendwie für FC-Fans, aus meiner Sicht aber für alle Fußballfans und ich als kommender Zweitligist fühle mich da sehr angesprochen.
Ich habe beim Hören des Albums nicht den Eindruck, dass BAP so schnell aufhören, es ist eine Weiterentwicklung zum letzten Album, welches ich persönlich auch schon sehr gut fand durch ein paar Spitzensongs wie Noh Gulu z.B. Solange sie das ganz unverkrampft machen und sie dabei authentisch rüberkommen, können sie solange dabei bleiben, wie sie eben Bock haben.